Was ist ein gleitender Durchschnitt?


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sumerdigital erklärt aber auch Grundlagen, ja auch die absoluten Basics für jeden Anleger. Und das auf eine Art und Weise, die die theoretischen Konstrukte am Beispiel erlebbar macht.

Hier ist ein Beispiel eines solchen Artikels von Anfang Oktober, in dem die absoluten Grundlagen zu gleitenden Durchschnitten vermittelt werden.

Sie wissen das alles schon? Bestimmt, aber lesen Sie trotzdem mal, vielleicht bringt die Darstellung im Gesamtkontext Sie ja doch auf den einen oder anderen Gedanken.

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Was ein Durchschnitt ist, wissen Sie sicher. Man nehme X Zahlen, addiere diese zusammen und teile die Summe durch X. Und schon hat man den ungewichteten Durchschnitt der Zahlen. Wenn man jetzt einzelne der Zahlen nach irgend einer Logik noch höher gewichtet als andere, bekommt man einen gewichteten Durchschnitt.

Beim Kursverlauf an der Börse ist es ganz ähnlich. Addieren wir die letzten 20 Schlusskurse der letzten 20 Tage und teilen diese Summe durch 20, dann wir haben einen Durchschnitt gebildet. Und wenn wir das nun für jeden Tag machen, jeweils immer für die letzten 20 Tage, dann haben wir einen gleitenden Durchschnitt gebildet, auch *Simple Moving Average* oder *SMA* genannt.

So einfach ist das, hier ist der SMA20 in blau im Chart des S&P500 zur Zeit der Lehman-Krise dargestellt. Dieses und die folgenden Charts sind übrigens zur Vergrößerung klickbar:

Dieser 20er-gleitende-Durchschnitt glättet also den Kursverlauf, weil er jeweils die letzten 20 Zeitpunkte zusammenfasst und daraus einen Durchschnitt bildet. Diese Durchschnittspunkte werden verbunden und fertig ist die Linie des 20er SMA!

Bevor ich hier weiter mache, will ich mit einer Fehlkonzeption aufräumen, die mancher vielleicht hat und die fatal ist, weil sie zu völlig falschen Schlußfolgerungen führt. Denn wenn wir die Durchschnittsgröße von 20 Äpfeln bilden, ist es naheliegender Weise ein "Apfeldurchschnitt". Wenn wir aber die Durchschnittsgröße von 20 Birnen bilden, ist es ein "Birnen-Durchschnitt" und eben *kein* "Apfel-Durchschnitt".

Und auch bei Charts bezieht sich ein gleitender Durchschnitt daher *immer* auf die Dimension des Charts. Wenn im Chart ein Punkt oder eine Kerze pro Tag dargestellt wird, ist es ein 20-Tage-Durchschnitt, auch 20-Tage-Linie genannt. Wenn es aber ein Chart wie oben mit Wochenkerzen ist, ist es ein 20-Wochen-Durchschnitt, bzw eine 20-Wochen-Linie, wenn man die Punkte miteinander verbindet!

Wer also in einem Chart mit Wochenkerzen eine 200-Tage-Linie darstellen will, sollte sich daran erinnern, dass die meisten Handelswochen 5 Handelstage haben und weiss dann, dass eine 40-Wochen-Linie näherungsweise einer 200-Tage-Linie entsprechen muss, weil eben 40*5=200 ist.

Nun zurück zum obigen Chart, das also die 20-Wochen-Linie im Sinne des einfachen gleitenden Durchschnitts - des SMA20 - darstellt.

Wenn wir uns klar machen, was ein Durchschnitt der letzten 20 Zahlen bedeutet, dann ist klar, dass der Durchschnitt dann exakt auf dem Niveau der letzten (aktuellen) Zahl stehen wird, wenn es in den 20 Punkten vorher keine große Bewegung gab und diese nur um die letzte Zahl herum fluktuiert sind.

Im Chart wäre das ein Kursverlauf seitwärts, der in den letzten 20 Punkten (hier Wochen) wenig direktionale Bewegung hatte. Genau diesen Fall sehen wir Ende 2007 im Chart mit "SMA auf Kurs" bezeichnet, als der Markt 2007 kurz vor Weihnachten noch durch Window-Dressing zusammen gehalten wurde.

Wenn aber eine starke Bewegung einsetzt, wenn also die 20 Punkte vor dem aktuellen Tag immer tiefer oder höher gegangen sind, *muss* der gleitende Durchschnitt zwangsläufig immer *nachlaufen*, weil der Durchschnitt logischerweise in Richtung des Trends höher (bei fallendem Trend) oder tiefer (bei steigendem Trend) sein muss.

Diesen Effekt sehen wir im Chart im November 2008 und im August 2009, als wir jeweils starke direktionale Bewegungen hatten und der gleitende Durchschnitt daher zwangsläufig immer nachlaufen muss.

Was zeigt uns also ein gleitender Durchschnitt? Ganz trivial, den geglätteten Kursverlauf. Und die Glättung wird umso stärker, je länger man den Bereich der Durchschnittsbildung macht. Ein SMA50 ist also deutlich stärker geglättet als ein SMA20.

Fertig, mehr "Geheimnis" gibt es erst einmal nicht. Wenn Sie das verstanden haben, haben Sie auch sofort verstanden, worin der Sinn eines gleitenden Durchschnitts liegt. Denn wir erleben doch gerade derzeit wieder, wie der Markt mal einen Tag steigt und einen Tag fällt und am Ende nicht viel passiert. Und wenn wir langfristig agieren, dann wollen wir uns doch von diesem Hin- und Her nicht verrückt machen lassen.

Genau hier liegt der Sinn einer Darstellung eines SMA, wenn man daran sein Handeln ausrichtet. Wenn wir nur dann agieren, wenn der SMA ein Signal liefert und *nicht* auf jeder Zuckung im Verlauf, dann glätten wir genau dieses unnötige Geschaukel und bekommen eine ruhigere Hand.

Und so ein Signal kann in beide Richtungen gehen, es kann ein Ausstiegssignal sein, oder ein Einstiegssignal. Gerade bei bekannten Durchschnitten wie der 50-Tages-Linie zum Beispiel, laufen nach oben trendende Aktien mit denen gerne oberhalb synchron, so dass ein touchieren der Linie ein Kaufsignal sein kann.

Konkret gesagt, ist das Agieren auf Basis des SMA also ein ideales Tools für Investoren, die eine ruhige Hand suchen und sich nicht vorschnell verrückt machen lassen wollen.

Wie lange man glättet, entscheidet dann darüber, wie stark man temporäre Dellen aussitzen will, aber damit auch, wie viel "Verspätung" man bei echten Abwärtsbewegungen hat.

Fügen wir zu obigem Chart doch mal den SMA50 in Rot hinzu, dann sehen wir schnell, dass dieser später zu fallen beginnt und viel später erst den Tiefpunkt erreicht:

Der SMA50 glättet also besser, die Folge ist aber auch, dass man später dran ist. Dieses Dilemma ist nicht auflösbar und jeder muß für sich selber entscheiden, welchen Vor- und welchen Nachteil er optimieren will, wenn man einen SMA zur Entscheidungsfindung einsetzt.

Ein wichtiger Einwurf noch zum Thema:

Wichtig ist in dem Zusammenhang auch sich klar zu machen, dass gleitende Durchschnitte keine objektiv bedeutenden Niveaus in Charts markieren, sondern subjektive Kursniveaus indizieren.

Mit objektiven Niveaus im Chart meine ich Punkte, an denen real in besonderer Art und Weise gekauft oder verkauft wurde. Typische Fälle objektiver Punkte sind beispielsweise Widerstand und Unterstützung. Denn wenn auf einer Unterstützung immer wieder Kaufinteresse aufkommt und der Preis dort abprallt, ist dieses Kursniveau objektiv bedeutend, denn genau da kommt Kaufinteresse in den Markt.

Ein gleitender Durchschnitt ist dagegen ein rein rechnerisches Produkt, dort wo er vielleicht den Kurs schneidet, muss in keinster Art und Weise irgend ein besonderes Verhalten von Angebot und Nachfrage stattgefunden haben. Ein gleitender Durchschnitt ist also erst einmal ein Indikator der rein subjektive Preisniveau indiziert und niemand schreibt uns vor, wie wir diesen Indikator gestalten wollen.

So ein subjektiver Indikator erlangt erst dadurch eine gewisse objektive Relevanz im Sinne dass er sich auf das Kursgeschehen auswirkt, wenn er von vielen beobachtet wird, wie die 200-Tage-Linie als klassisches Beispiel. Wenn viele auf einen Indikator reagieren, verändert das reflexiv den Markt. Ohne die Reflexivität im Spiel gibt es aber keinen Grund, warum eine 200-Tage-Linie mehr Aussagekraft haben sollte, als eine 250-Tage-Linie oder eine 150-Tage-Linie.

Nun aber zurück zur Lehman-Krise. Weiter oben sagte ich schon, dass man einen Durchschnitt auch *gewichtet* darstellen kann und wem zum Beispiel der SMA20 zu träge ist, der könnte ja die Tage höher gewichten, die näher dran an der Gegenwart sind und die Tage geringer gewichten, die weiter entfernt in der Vergangenheit liegen.

Ein solcher gewichteter Durchschnitt würde also das gleiche Bild zeigen wie der SMA, nur dass er reagibler ist und weniger "Lag" besitzt. So einen gewichteten Durchschnitt kann man mathematisch bilden wie man will, es hat sich aber eine Methode durchgesetzt, die sich *Exponentieller gleitender Durchschnitt* oder *Exponential moving Average* oder *EMA* nennt.

Dahinter steht eine mathematische Gewichtungs-Formel, die auch den bei der Berechnung berücksichtigten Zeitstrahl über die festen 20 Tage (im Falle des EMA20) ausdehnt. Wer die verstehen will, kann das an anderer Stelle nachlesen, für meine Grundlagendarstellung hier, ist die Formel ohne Relevanz. Entscheidend ist nur, dass Sie verstehen, dass das ein gewichteter Durchschnitt ist, der die nahe Vergangenheit stärker gewichtet, als die ferne Vergangenheit.

Im Chart des SPX zur Lehman Krise, müsste der EMA20 also weniger "Verspätung" haben als der SMA20 und so ist es. Der EMA20 ist in hellblau eingezeichnet:

Wir sehen, dass der Unterschied wenig überraschend nicht so groß ist, der EMA20 ist einfach reagibler, das könnte man im SMA aber auch erreichen, wenn man statt dem SMA20 den SMA10 nehmen würde.

Stellt sich die Frage welcher gleitende Durchschnit "besser" ist, der SMA oder der EMA?

Meine klare Antwort ist: Keiner! Nehmen Sie das, was Ihnen besser gefällt!

Ich erinnere dringend an die oben genannten Sätze zu subjektiven Kursniveaus. Weder ein Signal auf Basis des SMA, noch ein Signal auf Basis des EMA, löst bei einem Kursniveau aus, das objektiv für besonderes Geschehen bei Angebot und Nachfrage steht. Beides sind einfach Indikatoren, die nach mathematischer Logik "irgendwo" auslösen und der Sinn entsteht nicht durch den Zeitpunkt des Triggers, sondern durch die gesteigerte Ruhe als Folge der Glättung.

Ich persönlich liebe das KISS Prinzip (keep it simple and stupid) und arbeite daher fast immer mit einfachen gleitenden Durchschnitten (SMA), weil die komplexere exponentielle Variante mir keinen Mehrwert liefert, sondern sogar einen Nachteil, weil die Berechnung nicht mehr intuitiv durchschaubar ist. Das kann aber jeder halten wie er will und wer sich in Diskussionen was "besser" ist verkünzeln will, kann auch das gerne tun, ich beteilige mich aber nicht daran, weil mir meine Lebenszeit dafür zu schade ist.

Bleibt am Schluß dieses schon zu lange gewordenen Artikels nur die Frage, was es denn mit Schnittpunkten zwischen zum Beispiel SMA20 und SMA50 auf sich hat, die gerne als Indikator für Trendwenden benutzt werden. Wobei jeder auch ganz andere Werte im Rahmen seiner Strategie verwenden kann.

Schauen wir mal wieder auf das Chart:

Gleitende Durchschnitte glätten Kursverläufe, was sagt uns also, wenn ein kurzfristigerer (hier SMA20) einen längerfristigeren (hier SMA50) Durchschnitt schneidet?

Ganz einfach, es indiziert, dass eine kurzfristige Trendwende sich anschickt, den langfristigen Trend zu ändern. Eine grundlegende Wende der Trendrichtung wird damit also als Warnsignal signalisiert!

Wir sehen im Chart von 2008, dass das perfekt funktioniert hat. Nicht immer läuft das aber so perfekt, oft gibt es Fehlsignale, am rechten Rand im Sommer 2010 sieht man zum Beispiel so ein Fehlsignal.

Ihnen ist jetzt auch hoffentlich klar, dass diese Schnittpunkte in keinster Weise neue, geheimnisvolle Information sind. All diese Information ist auch im Chart ohne Darstellung der gleitenden Durchschnitte und könnte von einem geübten Auge gesehen werden, die Darstellung mit den Durchschnitten arbeitet diese potentiellen Trendwenden nur leichter sichtbar heraus.

So .... kommen wir zum Fazit dieser ersten Einführung in gleitende Durchschnitte.

Erstens, gleitende Durchschnitte geben rein subjektive Signale in den Charts, abseits von Angebot und Nachfrage, die sich zwingend *nur* aus mathematischer Logik ergeben. Kein Durchschnitt ist deshalb immer und perse "besser" oder "schlechter" als ein anderer, wählen Sie einfach was Ihnen am Besten gefällt, womit Sie Übung haben und was für das beobachtete Asset die sinnvollsten Signale gibt.

Zweitens, nicht die Frage ob Sie auf einen SMA20 oder einen EMA30 schauen entscheidet über den Erfolg, sondern die Übung und Konsequenz im Handeln mit dem gewählten Durchschnitt.

Drittens, eine reflexive Bedeutung im Sinne dass der Kursverlauf durch die Existenz des Durchschnitts beeinflusst wird, haben nur die allseits bekannten und beobachteten Durchschnitte, am stärksten die weit genutzte 200-Tage-Linie.

Viertens, der Sinn des Handelns nach einem gleitenden Durchschnitt ist primär die Glättung sinnloser Schwankungen. Den Kompromiss zwischen Glättung und zeitlicher Verzögerung, muss jeder für sich selber finden.

Fünftens, der Schnitt von kürzeren Durchschnitten mit längeren Durchschnitten kann, nicht muss, ein Indikator für eine anstehende Trendwende bzw starke Bewegung sein. Solche Schnittpunkte sind als ein Indikator unter vielen in einem größeren Bild zu lesen, nicht mehr und nicht weniger.

So ... das war eine erste Grundlagen-Darstellung zum Thema. Ich hoffe dem Einen oder Anderen hilft es. Ich habe im Premium Bereich in verschiedenen Artikeln dargestellt, wie Investoren gleitende Durchschnitte nutzen können, um auch in unruhigem Fahrwasser eine ruhige Hand zu behalten.

Auch für solche Strategien gilt aber die universelle Regel: Wenn man sich dann in der Krise von Emotion getrieben nicht daran hält, ist auch die beste Strategie nichts wert.

Ihr Michael Schulte (Hari)

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