Eine dramatische Börsenwoche – Teil 1: Bernankes Nachfolge und die Bundestagswahl

Eine der wichtigsten Börsenwochen des Jahres hat begonnen.

Eröffnet wurde sie standesgemäß. Und zwar mit dem Paukenschlag, dass der Favorit auf die Bernanke Nachfolge Larry Summer zurück gezogen hat und das offensichtlich unter massivem öffentlichen Druck. Die Wallstreet liebt es, denn deren Favoritin ist Janet Yellen, von der man erwartet noch aggressiver auf Stimulus zu setzen, als das Bernanke schon tat. Und so finden wir logischerweise den DAX heute früh auf historischen Höchstständen oberhalb 8600 wieder.

Allerdings wird die Freude wohl nur dann andauern, wenn es Yellen dann auch wird. Wie vom Wall Street Journal kolportiert, soll Obama nach einem "dritten" Kandidaten suchen und das würde die Unsicherheit eher erhöhen, der Markt mag Unsicherheit einfach nicht.

Am Ende der Woche dräut dann auch noch die Bundestagswahl und auch diese hat es in sich, denn bedingt durch unsere Wahlrecht mit der 5-Prozent-Hürde, wird die Regierung der grössten Volkswirtschaft der Eurozone möglicherweise nur von sehr wenigen Stimmen abhängen und damit eher "ausgewürfelt", als nach dem exakten Volkswillen festgelegt werden.

Denn es gibt 3 Parteien in Form der FDP, den Piraten und der AfD, bei denen völlig unklar ist, ob sie die 5-Prozent Hürde überspringen werden. Und so lassen sich, abhängig vielleicht von nur ganz wenigen realen Stimmen, unterschiedlichste Regierungsszenarien kreieren. Gewiss ist nur eines: Sie sollten unbedingt zur Wahl gehen, denn selten war das Ergebnis so unbestimmt wie dieses mal.

Die 5 Prozent Hürde macht das möglich, die damals von den Verfassungsvätern gewählt wurde, um "Weimarer Verhältnisse" zu verhindern. Das ist auch gelungen, hat aber umgedreht die Politverdrossenheit gefördert, denn es hat die Macht der schon im Bundestag vertretenen Parteien zementiert und dauerhaft ist es nur der Öko-Bewegung durch die "Grünen" in der Geschichte der Republik gelungen, dieses Kartell der Etablierten ein einziges Mal aus eigener Kraft aufzubrechen. Die Linke kann man da nicht zählen, die hat ja ihre Wähler durch die Wiedervereinigung mitgebracht und war quasi sofort oberhalb der Schranke.

Ich persönlich würde eine Absenkung auf zum Beispiel 2-3% für demokratisch geboten halten, um im Bundestag wirklich den Volkswillen abzubilden und für ein lebendigeres Parlament zu sorgen. Mit einer Hürde von 2-3% kann man immer noch eine zu grosse Zersplitterung verhindern. Aber das ist nur meine Meinung, um unsere Demokratie lebendiger zu gestalten. Es wird kaum passieren, denn welches Interesse sollen die etablierten Parteien daran haben, die das Wahlrecht ändern müssten ?

Aber wie auch immer, die meisten der Szenarien der Bundestagswahl, werden die Märkte völlig unbeeindruckt lassen, da die aktuell im Bundestag vertretenen Parteien in ihrer Ausrichtung Richtung Europa und Aussenpolitik kaum zu unterscheiden sind. Und ob die aktuelle Koalition erhalten bleibt oder es eine grosse Koalition gibt, wird den Märkten bestenfalls ein Gähnen abringen.

Aber es gibt zwei Szenarien, über deren Folgen Sie sich im klaren sein sollten:

(1)

Falls Rot-Grün eine Mehrheit bekommt, zum Beispiel weil FDP und AfD gleichermassen an der 5-Prozent-Hürde scheitern - oder noch stärker, wenn es eine Rot-Grün-Linke Regierung gibt - sollten Sie nicht in deutschen Nebenwerten sein. Die internationalen Börsen wird das nicht weiter interessieren, im Gegenteil, den Südländern und ihren Renditen und damit dem Eurostoxx wird so ein Wahlergebnis eher gut tun, weil diese Parteien die Euro-Rettungspolitik der aktuellen Regierung monetär noch toppen wollen. Perse ist eine Rot-Grüne Regierung für die internationalen Märkte also auch eher "Schulterzucken" bzw. für Südeuropas Märkte positiv.

Aber bei der deutschen mittelständischen Exportindustrie, die man typischerweise in MDAX und SDAX wieder findet, dürfte das zu bösen Verkäufen führen. Und zwar neben der erwarteten Schwächung der Wettbewerbskraft, primär aus der von den Parteien verfolgten Vermögenssteuer heraus. Denn hier gibt es viele Familienunternehmen mit Ankeraktionären, die im Falle so einer Steuer Aktien verkaufen müssten, um die Steuer bedienen zu können und das wird der Markt sofort antizipieren. Das Musterbeispiel dieser Problematik unter den DAX Konzernen ist BMW, die Familie Quandt hält hier die Fäden in der Hand und die Börse würde die BMW Aktie in so einem Fall deshalb wohl erst einmal verkaufen und erst dann nachdenken.

(2)

Falls die AfD einen Überraschungserfolg gegen die Demoskopen Richtung 8-10% landet und - zum Beispiel weil FDP und Piraten draussen bleiben - defacto zum Zünglein an der Waage wird, könnte der einzige Fall eintreten, in dem die Bundestagswahl über den rein deutschen Aktienmarkt hinaus zu Verwerfungen führt. In diesem Fall darf man keine Aktien aus den europäischen Südländern haben und Bonds dieser Länder schon gar nicht. Die Märkte werden schnell die Frage stellen, ob sich durch die Existenz dieser Proteststimme im Parlament nicht sofort die Merkelsche "Rettungspolitik" ändert. Sich geänderten Strömungen anzupassen, darin hat die Bundeskanzlerin ja Meisterschaft entwickelt. 😉

Vordergründig würde es dann natürlich auf eine grosse Koalition hinaus laufen. Aber mit einer starken AfD im Nacken, wird entweder diese Koalition ihre Europa-Politik anpassen und schärfer deutsche Interessen vertreten. Oder es wird gar nicht zur grossen Koalition kommen, weil Merkel bewusst ist, dass die grossen Parteien dabei nur verlieren können. Wie man einen vermeintlichen Partner so umarmt, dass man ihn dann erdrückt, verdaut und ausspuckt - hat Merkel ja nicht nur mit der SPD vorgeführt, sondern eindrücklich auch an der FDP vorexerziert. Insofern werden sich die Märkte in dem Fall noch in der Wahlnacht die Frage stellen, ob wir hier eine erneute Wende der Regierungschefin ala "Energiewende" erleben, mit der sie sich der öffentlichen Stimmung anpasst. Und dieses Risiko würden die Aktienmärkte sofort in die Kurse der Aktien und Anleihen Südeuropas einpreisen. Ob es dann ein paar Wochen später tatsächlich eintritt, ist eine ganz andere Frage.

So weit meine Sicht auf die Bundestagswahl aus der Warte der Märkte. Das wahrscheinliche Szenario ist also ein grosses Gähnen und nur in den beiden obigen Szenarien sehe ich direkte Auswirkungen, die uns im Vorfeld bewusst sein sollten.

Das wichtigste Thema der Woche ist aber die FED Sitzung am Mittwoch mit der Frage des "Tapering". Dazu folgt heute noch ein zweiter Teil der Vorschau.

Ihr Hari

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In Sachen Urheberrecht: Ein Wort zu den „Piraten“

Ein paar Worte in eigener Sache zum Urheberrecht.

Ich denke wir alle beobachten fasziniert den Aufstieg einer Partei, die selber noch gar nicht so richtig weiss, was sie will.

Aus meiner Sicht haben die "Piraten" das Glück, dass sie für viele Wähler der Katalysator sind, um ihren berechtigten Frust mit dem Parteiensystem auszudrücken. Nur das erklärt für mich den plötzlichen Stimmenschwall, ohne das die Wähler wirklich wissen, was sie da wählen. Es ist eine Art Protestabstimmung der Nichtwähler und mit den Altparteien Frustrierten. Statt nicht zur Wahl zu gehen, kann man jetzt den Piraten die Stimme geben.

Auch ich spüre das und empfinde jede Menge Sympathie dafür, dass sich hier eine unverbrauchte neue Kraft entwickelt. Insofern wünsche ich mir sehr, dass sich diese Bewegung weiter entwickelt und zu einer echten Partei wird.

"Endlich mal moderne, junge Leute, die an etwas anderes als Öko und Umverteilung denken und die Zukunft aktiv gestalten wollen" - so ungefähr könnte man wohl die Reaktion vieler zusammen fassen.

Trotzdem gibt es da ein ernsthaftes Problem mit der Partei. Denn wie die Grünen mit dem Öko Thema, haben die Piraten in meinen Augen ein Kernthema, sozusagen die DNS der Partei. Und das ist die Abschaffung des Urheberrechtes - der Parteiname existiert ja nicht aus Zufall.

Das derzeitige Urheberrecht hat sicher seine Macken und ich bin in einigen Teilen kein Freund davon - ganz besonders weil es zu einer Plattform für Abmahn-Kartelle geworden ist. Das ist aber nicht das Problem des Urheberrechtes perse, sondern nur seiner derzeitigen Ausgestaltung im Detail.

Aber eine defacto Abschaffung wie sie den "Piraten" scheinbar vorschwebt, ist in meinen Augen ideologischer Blödsinn und wird zu einer Verarmung der Kultur führen - es wird die Welt nicht offener machen, sondern eine Kultur des Verbergens und der Geheimhaltung fördern.

Denn wenn ich befürchten muss, dass mir jede gute Idee sofort geklaut werden kann, werde ich alles dafür tun, diese Idee vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Gerne wird von den Apolegeten dieser Gratis-Kultur dann angeführt, dass das Urheberecht ja erst jüngeren Datums sei und es das früher gar nicht gab. Stimmt - und ist trotzdem völlig falsch. Denn es wird dabei völlig verkannt, dass es früher eben auch noch keine Aufzeichnungsgeräte, keine Kopierer und keine Digitalisierung gab. Mozart brauchte kein Urheberrecht, wer nicht an seine Noten kam, wie wollte der denn seine Symphonien nachspielen ? Hätte jeder Hanswurst Mozarts Musik nachspielen und verhunzen können, wäre auch ein Mozart wohl "not amused" gewesen.

Jetzt wird von einigen Piraten ja durchaus differenziert argumentiert und um die Gratis-Kultur geht es bei den Ideen der Piraten eigentlich auch gar nicht, eher um freien Wissenszugang für alle. Aber das Ergebnis, so wie es dann von den Millionen ausgelegt wird die einfach "machen", statt die ziselierten Begründungen von Partei-Programmen zu lesen, das lautet dann: "Ich kann kopieren und damit machen was ich will". Da nennt man die "Normative Kraft des Faktischen" - etwas worüber einige der engagierten jungen Leute mal nachdenken sollten.

Und ja, ich weiss, von den "Piraten" wird auch angeführt, Sie wollten das Urheberecht ja gar nicht abschaffen und geistiges Eigentum sei ihnen wichtig - sie wollten ja nur die freie Vervielfältigung und Nutzung ala "Creative Commons" im privaten Rahmen erlauben - "Open Access" ist da das Zauberwort. Aber auch das ist am Thema vorbei und kommt im Endeffekt aufs Gleiche hinaus.

Denn wenn jetzt jeder ganz legal und gegen meinen Willen meine Artikel hier kopieren und im Web nutzen könnte, ist das Urheberrecht nur noch eine leere Hülle ohne Wert und damit defacto abgeschafft. Und was ist, wenn ich eben nicht will, dass Unbekannte kostenlos "Open Access" auf die Produkte meines Geistes haben ? Wenn sogar meine wirtschaftliche Existenz von diesen Produkten meines Geistes abhängt, wie bei Fotographen, Künstlern und freien Journalisten ? Wenn andere gegen meinen Willen über die Verwendung der Ergebnisse meiner eigenen Arbeit entscheiden können, nenne ich das eine Diktatur - die Diktatur der bräsigen, konsumierenden, passiven Masse.

Ich kann deswegen mit Bestimmtheit sagen:
Sollte sich die Idee durchsetzen das Urheberrecht defacto abzuschaffen, wird es sumerdigital in dieser Form nicht mehr geben.
Dann verschwindet die Seite hinter einer dicken Mauer oder wird ganz eingestellt.

Und ich bin ganz sicher, das wird für den meisten wirklich qualifizierten Content im Web gelten. Er verschwindet einfach aus dem öffentlichen Sichtbereich.

Was dann weiter fröhlich und frei ausgetauscht werden kann, sind die "spannenden" und sinnfreien Ergüsse via Facebook und Co. über die Farbe der zuletzt gekauften Hose, die Marotten des Freundes, neuestes Rabatte bei Groupon und was man gestern gegessen hat. Originärer, innovativer Content wird aber aus der Öffentlichkeit weitgehend verschwinden. Wenn dieses intellektuelle Futter den "Piraten" genügt, sollen sie glücklich damit werden.

Schon heute ärgern wir Blogger uns doch über die unzähligen "Brain-Sucker" unter den Lesern, die sich zwar unseren Content sehr gerne "reinpfeifen", aber "als Dank" dann noch nicht einmal bereit sind einen winzigen Klick zu machen oder sonstwie einen Finger zu krümmen. Wieviele Seiten kenne ich, bei denen die Betreiber versuchen ihre Kosten zum Beispiel über Klicks auf Amazon-Banner und ähnliches teilweise herein zu holen. Und trotz entsprechender Bitten an die Leser, wer klickt ? Kaum jemand !

Kann mir einer der "Piraten" mal erklären, warum man sein Engagement weiterführen sollte, wenn man dann noch nicht einmal sein geistiges Eigentum mehr schützen kann ?