Für Aktienskeptiker



Dieser Beitrag, ist für den seltenen Fall, dass sich mal jemand auf sumerdigital verirren sollte, die oder der Aktien nicht mag, weil sie ja "zu riskant" seien.

Von dieser Denkstruktur gibt es ja ganz viele, es ist leider die Mehrheit der Bevölkerung, die sich so freiwillig selbst verzwergt, was die Geldanlage angeht. Was schon für sich ziemlich traurig und absurd ist, weil Beteiligungen am Produktivvermögen langfristig eine der sichersten und definitiv ertragreichsten Anlageformen ist. Man muss sie nur verstehen.

Nun gibt es viele gute Artikel, die das alles erklären und versuchen, Aktien einer breiteren Bevölkerung schmackhaft zu machen. Nur Ratio nützt in der Regel herzlich wenig, weil hier die Effekte unseres evolutionären "Affenhirns" wirken.

Ich will die zwei wesentlichen Fehlkonzeptionen - die Angst vor den Schwankungen und der Glaube, die Börse sei "zu weit gelaufen" und werde bald zusammenbrechen - daher mal auf andere, hoffentlich eingängige Art und Weise adressieren.

Und ich mache das bewusst auch argumentativ nicht ganz so auschweifend, weil wer Aktien aus Angst ablehnt, wird sowieso keine langen Erklärungen lesen, da muss man schneller ein Nachdenken in Gang setzen.

(1) Die Angst vor den Schwankungen

Die sichtbaren Schwankungen der Märkte verschrecken und überfordern viele. Was aber leider nur darauf beruht, dass nicht verstanden wird, dass die meisten anderen Anlageklassen genauso schwanken, nur gibt es in der Regel nirgendwo Kurse, die einem das jeden Tag zeigen.

Stellen Sie sich doch mal vor, Ihre vermietete Wohnung in Berlin würde an einem Markt gehandelt, so dass Sie jeden Tag deren Marktwert schwarz auf weiss im Depot sehen könnten, wie bei einer Aktie. Was glauben Sie wohl, was in den letzten Wochen im Zuge der Enteignungs- und Mietdeckel-Diskussionen damit passiert wäre?

Ich sage es Ihnen, Ihre Wohnung wäre im Kurs um locker 10-20% nach unten geknallt! Und 2008, im Zuge der Finanzkrise, wäre Ihre Immobilie ebenso wie Aktien um 40% und mehr entwertet worden, das kann ich Ihnen garantieren. Faktisch waren Immobilien zu dem Zeitpunkt für ein paar Monate weitgehend unverkäuflich, was den Marktwert ins Bodenlose getrieben hätte - so ihn jemand gemessen hätte.

Man braucht für Schwankungen des "Kurses" einer Immobilie auch keine Enteignungsphantasien, wäre Ihre Immobilie täglich an einer Börse gehandelt, würde jede Umgehungsstrasse, jeder Mord in der Nachbarschaft, jede Änderung der Dämmungsverordnung in Berlin und jede Ansiedlung eines Betriebs der Arbeitsplätze bietet, sich auf den Kurs Ihrer Immobilie auswirken. Genau diese tägliche Anzeige gibt es aber nicht!

Sie haben diese Schwankungen einfach nicht bemerkt, weil Ihnen nirgendwo der Kurs Ihrer Wohnung entgegen blinkte. Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss - diese simple Regel hat Ihr evolutionäres Affenhirn davor bewahrt, hier auch Angst zu bekommen.

Heute argumentieren Sie vielleicht, dass es ja auch keinen Grund gibt sich Sorgen zu machen, weil "Betongold" halt werterhaltend sei und einen Schwankungen da nicht interessieren sollten. Stimmt.

Nur glauben Sie ernsthaft, dass die Existenz von Konsumgüterriesen wie Nestle oder Johnson&Johnson irgendwie in Frage stand oder steht? Nein, im Zweifel dann noch eher die Wohnung, die kann nämlich enteignet oder in einem Elementarschaden zerstört werden, ein internationaler Konzern mit Dependancen in der ganzen Welt, dagegen viel schwieriger.

Konzerne dieser Qualität haben teilweise 2 Weltkriege überdauert, von Wohnungen kann man das nicht immer sagen, die wurden entweder zerstört, oder enteignet oder 2x - 1924 und 1948 - mit Zwangshypotheken teilenteignet.

Damit Sie mich nicht missverstehen, ich argumentiere hier nicht gegen Immobilien, ich habe selber eine selbstbewohnte Immobilie und ein paar Konzerne sind historisch auch untergegangen, Stichwort Enron, nichts ist also 100% sicher. Ich will nur klar machen, dass Sie einer Illusion aufsitzen, wenn Sie Aktien wegen der sichtbaren Schwankungen für grundlegend "riskanter" halten. Die Wahrheit ist viel einfacher, es kommt bei Aktien wie bei Immobilien, langfristig auf die Qualität an. Schrottimmobilien machen ebensowenig Spaß, wie Schrottaktien.

Also, in einer schweren Finanzkrise fällt zeitweise alles. Selbst Gold ist im Herbst 2008 im Zuge des Margin-Calls deutlich gefallen. In den meisten Fällen wie bei Immobilien merken Sie es mangels Kursen nur nicht.

Die Frage der Sicherheit in einer Krise ist also nicht was fällt, sondern was danach immer noch da ist und wieder steigen wird. Das macht Sicherheit aus und da sind diese obigen Konzerne ganz vorne dabei!

(2) Zu weit gelaufen

Die zweite Fehlkonzeption, ist der Glaube, dass Börse - gerade wenn Sie wie jetzt der US Leitindex S&P500 Allzeithochs generiert - zu weit gelaufen sei und daher sicher wieder zusammenbrechen müsse. Auch das beruht auf unserem evolutionären Affenhirn, nur ist es auf die Börse angewandt leider völlig falsch.

Dummerweise wird diese Fehlkonzeption dann noch durch Heerscharen medialer Perma-Bären und Untergangs-Propheten bestärkt, denn Artikel zum nächsten Crash generieren immer mehr schnelle Klicks, als mühselige Argumentationen wie diese.

Es ist ja auch so eingängig, die Börse ist gestiegen und gestiegen, die Notenbanken helfen kräftig mit Fiat-Geld mit, das kann doch nicht gut gehen! Wird es wohl auch nicht, deswegen werden die Kurse aber trotzdem nicht mehr auf die Stände vor 50 Jahren zurückfallen und wahrscheinlich nicht mal mehr auf die von 2009. Und sollte wirklich so eine schwere, historisch einmalige Krise kommen die alles zerstört, glauben Sie ernsthaft, dass diese dann andere Anlageformen nicht träfe? Ich bitte Sie!

Ich will Ihnen das mal eindrücklich zeigen. Das ist der Kursverlauf des Leitindex S&P500 über die letzten 50 Jahre. Das ich vor 50 Jahren aufhöre, hat nur damit zu tun, dass ich keine älteren Daten im Tool habe. Ich verspreche Ihnen aber, würde ich so eine Steigungslinie über 120 Jahre zeichnen, würde sie auch nicht viel anders aussehen, -> dieser 6 Jahre alte Artikel zum DOW <- vermittelt dazu einen Eindruck.

Auch die Steigungslinie kann man natürlich leicht anders zeichnen, man kann den Start und Endpunkt woanders anlegen und so dafür sorgen, dass die aktuellen Kurse über oder unter der Linie liegen. Das ist aber nicht der Punkt, weil auch die veränderten Linien werden nicht so groß abweichen.

Diese Steigungslinie der logarithmischen Darstellung steigt im Mittel um ca. 7% pro Jahr, was auch dieser Artikel anders herleitet:

Streiten wie uns also nicht um Kommazahlen und vielleicht ein Prozent, sondern akzeptieren wir, dass die US Aktienmärkte im Mittel um ca. 7% pro Jahr steigen. Trotz Kriegen, trotz Crashs, trotz Finanzkrisen, trotz Notenbanken. Und wären es am Ende "nur" 5 oder 6%, würde das an der Kernaussage nichts ändern.

Nun müssen wir von dieser Steigung aber die Inflation abziehen, gleichzeitig sind im S&P500 aber keine Dividenden im Index mitberechnet, die kommen noch oben darauf. Am Ende kann man Pi-mal-Daumen davon ausgehen, dass sich beide Seiten - Inflation und Dividenden - ausgleichen und neutralisieren.

Womit wir immer noch 7% pro Jahr echten Wertgewinn am US Aktienmarkt haben und wie gesagt, wenn jemand anders "nur" 5% errechnet, soll es auch Recht sein. Andere, schwächere Indizes wie der DAX, bewegen sich auch eher in den niedrigeren Regionen, sind aber im Mittel auch klar positiv.

Das Chart so zu betrachten, hinterlässt aber in unseren Hirnen falsche Ängste, weil wir uns einbilden, das müsste nun wieder auf die alten Kurse von 1969 fallen. Es ist die vermeintliche "Fallhöhe" rechts, die instinktive Ängste macht.

Was aber kompletter Unfug ist, der S&P wird definitiv *nie wieder* die Kurse von 1969 erreichen. So ein Chart ist kein Abbild der Erdoberfläche und es gibt hier keine Gravitation, die etwas nach unten zerrt.

Um diese Falle unseres "Affenhirns" zu vermeiden, müsste man das Chart kippen, so dass man diese Steigungslinie als X-Achse bekommt, leider ist mir das mit meinen Tools technisch nicht möglich. Dann würde man sehen, dass wir 2000 tatsächlich eine Bewertungsblase hatten und 2009 historische Kaufkurse, wie sie in den 50 Jahren nur einmal da waren. Und man sieht auch, dass wir aktuell eigentlich im Bereich der normalen Steigung sind - mehr oder weniger, je nachdem wie man die Linie zeichnen will.

Wie ist das möglich? Wie kann es sein, dass eine Assetklasse über 50 Jahre 5-7% pro Jahr Ertrag nach Inflation generiert und die Mehrheit der Bürger störrisch der Meinung ist, diese sei "zu riskant" und "nur was für Zocker"?

Die Antwort zu dieser "Blindheit" ist einfach, diese beruht auf den oben beschriebenen Wahrnehmungsmängeln, mit denen die (fraglos vorhandenen) Risiken masslos überschätzt und die großen Chancen ebenso masslos unterschätzt werden.

Ich kann es auch flapsiger sagen. Ein wirklicher "Zocker" ist jemand, der Lotto spielt oder in die Spielbank geht, wo man statistisch im Mittel nur verlieren kann, weil nur Teile der Wettgelder wieder ausgeschüttet werden. Wer aber hier langfristig mitmacht und dabei bleibt, ist einfach vernünftig.

Dass so eine Steigerung aber überhaupt möglich ist, ist der Verdienst der einzigen Wirtschaftsform, die wirklich Wohlstand für alle schaffen kann: der (sozialen) Marktwirtschaft. Um so absurder, wenn dirigistisch-planwirtschaftliche Ansätze wieder viele Anhänger fnden. Den Mietern wird am Ende so bestimmt nicht geholfen, das kann ich jetzt schon garantieren.

Denn diese Steigung ist letztlich das Ergebnis von Fortschritt, von Innovation und auch von Disruption. Sie ist das Ergebnis von Apples, die aufgestiegen sind und anderen, die untergegangen sind. Disruption wird nicht immer geliebt, weil sie alt Gewordenes zerstört, Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit fordert und damit auch kurfristige Schmerzen macht - sie ist aber nötig, um am Ende den Wohlstand aller zu heben. Und das "soziale" der "Sozialen Marktwirtschaft" ist dazu da, genau diese Schmerzen abzufedern, nicht aber die Disruption generell zu verhindern.

Und wissen Sie was? Da wir gerade bei dem "Sozialen" sind, was wäre sozialer, als wenn alle Arbeiter und Angestellten an diesen Wertsteigerungen Teil haben würden, die der Marktwirtschaft und dem Fortschritt inne sind?

Dazu müssten diese aber Aktionäre werden und Aktien ebenso wie Immobilien betrachten. Man kauft in beiden Fällen besser nur Qualitätsware und wenn man diese hat, bleibt man in Krisen gelassen, weil man weiss, dass es nicht auf die Schwankungen ankommt, sondern darauf, was nach der Krise noch da ist und wieder steigt.

Und da viele Bürger damit wohl trotzdem ein Problem haben, weil diese oben beschriebene Gelassenheit in der Krise weit schwieriger zu halten ist, als man in der Regel denkt, wäre auch ein Staatsfonds ala Norwegen für alle keine dumme Idee.

Aber wie auch immer man das umsetzt, ich kann nicht sehen, warum jemand der Geld zur Anlage hat, pauschal an diesen statistisch 5-7% pro Jahr nicht teilhaben sollte.

Und natürlich, was Ihre Ängste angeht, ich verspreche Ihnen, nachdem Sie eingestiegen sind, wird der Markt erst einmal um 20% fallen. Und dann wird er jahrelang dahin dümpeln, einfach weil der gerne so fies ist und an ihren Nerven zerren möchte. 😉

Jetzt gehen Sie aber mal an das Chart und ziehen vom Einstiegspunkt 1969 bei damals 69,29USD eine 20% Korrektur ab und stellen sich die Frage, welche Relevanz das langfristig hat. Kleiner Hinweis, heute ist der Kurs des S&P500 bei 2.964 - nach einer 20% Korrektur wäre er bei 2.371.

Punkt angekommen, lieber Aktienskeptiker?

Ihr Michael Schulte (Hari)

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