Europa, der Euro und die Trauerarbeit

Dieses Wochenende ist Europawahl. Schon vor 3 Wochen habe ich hier beschrieben, -> was mich an der real existierenden EU nervt <-.

Heute möchte ich ergänzend noch eine Abhandlung zu Währungen im Allgemeinen und dem Euro im Speziellen mit Ihnen teilen. Diese wurde schon am 21.02. im Premium-Bereich veröffentlicht und erklärt wie Währungen funktionieren und welche Effekte im Speziellen der Euro hat.

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Zuletzt wurde mir wieder bewusst, dass der Euro am 01.01.2002 eingeführt wurde und nun also als einzige Währung 17 Jahre unter uns ist, als Doppelwährung in Form von Buchgeld, sogar schon seit 20 Jahren.

Wenn man davon ausgeht, dass Menschen sich bis sie ca. 20 Jahre alt sind, nur höchst selten für solche trockenen Themen interessieren - da pulsen eher die Hormone 😛 - gibt es mittlerweile viele Leser hier bis ca. einem Alter von 40 Jahren, die in ihrem Leben nie bewusst eine andere Währung und ihre Mechanismen erlebt haben - für die "Geld" und "Währung" in ihrem erwachsenen Leben also immer mit dem Euro gleichbedeutend waren.

Auch der Fehler, dass man "Wert" von Dingen automatisch in Euro ausdrückt, ohne sich bewusst zu machen, dass Währungen keinen Wert haben und selber der Maßstab sind, ist die Folge davon, dass man nie den aktiven Umgang mit anderen Währungen und Wechselkursen erlebt hat.

Glauben Sie mir, jemand in Venezuela weiss dagegen immer auch, was eine Sache in Dollar "wert" ist, auch wenn die Währung dort gar kein Zahlungsmittel ist. 😉

Da erscheint es mir doch sinnvoll, der Frage von Währungen mal auf den Grund zu gehen. Wir fragen uns also:

Wat is ene starke Währung und warum is det gut? Da stelle mer uns janz dumm.....

Zunächst einmal ganz wichtig, keine Währung hat einen Wert an sich, weil Wert ja immer in Währung ausgedrückt wird. Währung ist selber der Maßstab für Wert. Man kann die Länge eines Meters auch nicht in Metern ausdrücken, da wäre das Ergebnis immer 1.

Eine Aussage, dass eine Ware soundsoviel "wert" ist, ist also genau genommen sinnlos, ohne zu sagen in welcher Währung - außer der Gegenüber geht auch ganz selbstverständlich von der gleichen Währung aus. Und auch die Aussage, dass etwas "teurer" wurde ist so sinnlos, denn wenn eine Währung abwertet, kann etwas darin "teuer werden" und in einer anderen Währung trotzdem "billiger".

Es gibt bei Währungen einfach keinen objektiven, absoluten Maßstab für Wert, nur relativ zueinander, als Währungspaar wie EURUSD, kann man die relativen Wertveränderungen ausdrücken.

Einem idealen, objektiven Maßstab, kommen zwei Dinge noch am Nächsten. Einerseits Gold und Silber das . Andererseits die , die so etwas wie ein Durchschnitt der großen Weltwährungen sind.

Für unsere täglichen Zwecke sind beide Maßstäbe aber nicht relevant, weswegen wir den Wert von Geld immer in einer anderen Währung ausdrücken müssen. Währungen haben also immer nur relativ gesehen "Wert". Daher die Währungspaare wie EURUSD oder eben XAUUSD für Gold in Dollar.

Wenn man das verstanden hat, wird vieles einfacher. Denn dann wird klar, dass es immer vorteilhaft ist, in einer Währung zu sein, die relativ zu den anderen Währungen an Wert gewinnt.

Und wenn eine Währung wie der Euro durch die Notenbank-Politik abgewertet wird, ist es besser in jeder anderen, relativ stärkeren Währung zu sein. Wenn die eigene Währung stark ist und regelmässig aufwertet, besteht dieser Grund dagegen nicht.

Genau *das* war vor dem Euro die Realität, als die D-Mark permanent zu Franc und Lira aufgewertet hat und in der Stabilität bestenfalls der Schweizer Franken mithalten konnte.

Denn viele europäische Währungen schwangen in freien Wechselkursen zueinander und bildeten die jeweilige Wirtschaftskraft und Solidität des Währungsraumes ab. Und da die D-Mark extrem stark war, wollten alle ihr Geld in D-Mark anlegen und die Lira und den Franc verkaufen.

Derartige Aufwertungen (der D-Mark) hoben damals relativ gesehen das Vermögen der D-Mark-Besitzer, weil diese "das Ausland" jedes Jahr billiger kaufen konnten, das galt von Urlaub über Öl bis zu Firmenübernahmen. Sie erschwerten aber auch das Exportgeschäft, weil die Firmen zu höheren Kosten in Niedrigwährungsländer exportieren mussten.

Und derartige Abwertungen aus beispielsweise Sicht der Lira oder des Franc, schafften relativ zu Deutschland gesehen Wohlstandsnachteile bei der italienischen und französischen Bevölkerung, weil alle Importwaren (wie Öl) immer teurer wurden. Sie erleichterten aber das Exportgeschäft, weil die Firmen zu niedrigeren Kosten in Hochwährungsländer exportieren konnten.

Diese Auf- und Abwertungen kamen ja aber nicht aus der Luft und wurden im freien Markt auch nicht von zentralen Planwirtschaftlern in Notenbanktürmen dekretiert, sondern waren Ausdruck der Produktivitätsunterschiede, die mit den Auf- und Abwertungen ausgeglichen wurden. Denn wenn eine Wirtschaft stark ist, wird deren Währung nachgefragt, womit diese steigt.

Diese Steigerung erzeugt aber Anpassungsdruck bei der Wirtschaft, da ihre Exporte im Ausland teurer werden, ein Anpassungsdruck, dem man nur mit höherer Produktivität oder Innovation begegnen kann. Und diese Anstrengungen legen wiederum die Grundlage für die nächste Aufwertungsrunde.

Starke Währungen, schaffen also einen perfekten, positiven Feedbackzyklus, der den Aufstieg der alten Bundesrepublik über 40 Jahre getrieben hat. Das ist wie ein permanentes Fitnesstraining, weil man trainiert wird man stärker und weil man stärker wird, wertet die Währung auf und man muss gegen den Widerstand mehr antrainieren. Und im Gegensatz zum Menschen, geht das in der Wirtschaft tatsächlich theoretisch unbegrenzt, weil Innovation keine Grenze hat.

Schwache Währungen, schaffen dagegen schnelle "Windfall Profits" im Export, lassen die Wirtschaft aber langfristig erschlaffen, weil sich die Waren wegen des niedrigen Preises auch so verkaufen - bis es zu spät ist und die Konkurrenz enteilt.

Diesen Mechanismus schwacher Währungen können wir gerade an Deutschland im Allgemeinen und der Autoindustrie im Speziellen beobachten, die wir in den letzten Jahren gerne als "fette Katzen" bezeichnet haben. Es war durch den relativ schwachen Euro zu lange zu einfach, die Produkte auch ohne Innovation und Produktivitätssteigerungen zu verkaufen. Früher oder später holt einen das aber ein, auch beim Niedergang der einst stolzen italienischen Autoindustrie zu beobachten.

Wichtig ist auf jeden Fall:

Würden schwache Währungen Wohlstand schaffen, wäre Italien im letzten Jahrhundert mit der Lira an Deutschland vorbeigezogen. Das Gegenteil ist volkswirtschaftlich wahr.

Genau deshalb wollten Frankreich und Italien den Euro, um die finanzwirtschaftliche Dominanz der D-Mark zu brechen, während Deutschland als "Deal" nach der Wiedervereinigung, beim Euro nur mitgemacht hat.

Der Euro hat daher vieles verändert. Denn der Euro ist als Durchschnitt über alle, für Lira und Franc relativ gesehen eine Starkwährung, der diesen Ländern mit niedrigeren Zinsen erhebliche Vorteile beim Schuldendienst verschafft hat.

Der Euro ist aber für die D-Mark relativ gesehen eine Weichwährung, die nun nicht mehr den Wohlstand des Individuums fördert, sondern negative Wohlstandseffekte hat.

Und mit dem Euro wurde der Ausgleichsmechanismus der Währungskorrelationen gekappt, die (auch kulturell bedingten) Produktivitätsunterschiede der Länder sind aber geblieben.

Weswegen Firmen nun, wenn sie sowieso überall das Gleiche zahlen müssen, lieber im produktiveren Deutschland ihre Jobs aufbauen, statt im unproduktiveren Italien. Und weshalb das Exportgeschäft deutscher Firmen so brummt und in Italien praktisch zusammengebrochen ist.

Damit schafft der Euro in Deutschland ein Beschäftigungswunder und schafft im Mittelmeerraum hohe Arbeitslosigkeiten.

Im Saldo:

macht der Euro also (relativ gesehen) Italiener reich und nimmt ihnen die (zu teuren) Arbeitsplätze.

macht der Euro also (relativ gesehen) Deutsche arm und überschüttet sie mit (zu billigen) Arbeitsplätzen.

Im Saldo *kann das nicht funktionieren* und das wussten auch die Gründerväter. Sie hofften aber, dass der Euro die Integration beschleunigt und wir nun 20 Jahre später schon vereint im Bundesstaat wären mit einheitlicher Wirtschaftssteuerung. Denn nur *so* kann ein gemeinsamer Währungsraum funktionieren, es gibt historisch keine Währungsunion, die ohne einheitliche Finanz- und Wirtschaftssteuerung gehalten hat.

Der Euro war also eine blinde Wette auf die Integration Europas, da er ohne diese gar nicht funktionieren kann. Und genau das ist nicht passiert und wird absehbar nicht mehr passieren.

Weswegen nach meiner Erwartung nun nur noch Trauerarbeit und eher sinnlose Rettungsoperationen zum Euro folgen, die aber durchaus noch 20 Jahre dauern können und auch brachialen Methoden wie massive Negativzinsen mit sich bringen können.

Was würde abseits fiskalischer Themen wie der Target-Salden, aus Sicht der Deutschen wirtschaftlich passieren, wenn der Euro zerfallen, die EU aber erhalten bleiben und eine neue D-Mark kommen würde?

Zunächst würde es einen brutalen Anpassungsschock bedeuten, der mehrere Jahre andauert, weil die neue D-Mark sofort brutal zu den anderen Währungen aufwerten würde.

Man könnte diesen Anpassungsschock mit einer Phase einer Doppelwährung deutlich abdämpfen, das zu erklären, sprengt aber diesen Artikel.

In Folge der Aufwertung hätten wir eine Wirtschaftskrise mit viel mehr Arbeitslosen und jeder Menge Firmenpleiten. Firmen würden Arbeitsplätze wieder vermehrt ins "billigere" Ausland verlagern, der Jobboom in Deutschland wäre mit einem Schlag am Ende.

Und weil das so ist, wird eine demokratische deutsche Regierung diesen Schritt nie gehen, weil sie im 4-Jahres-Zyklus der Wahlen dann hinweggefegt würde. Denn erst werden die negativen Effekte sichtbar, die positiven Effekte kommen danach.

Nach einigen Jahren wäre diese Anpassung aber durchgelaufen und der alte, positive Mechanismus der D-Mark würde wieder einsetzen.

Deutschland würde wieder zum Hochlohnland, das sich über Forschung, Entwicklung und Innovation definiert. Seine Produkte wären wieder besonders teuer, aber auch besonders gut - Made in Germany.

Und der Wohlstand des Bürgers würde relativ zu den anderen Ländern wieder jährlich wachsen, Urlaube wie Importe würden relativ immer günstiger, für die D-Mark könnte man jedes Jahr wieder mehr bei den anderen einkaufen. Auch die Altervorsorge würde damit relativ immer mehr wert und ein sonniger Lebensabend, irgendwo mit der D-Mark eine Leichtigkeit.

Deutschlands Bürger würden den Ertrag der höheren Produktivität wieder in den Brieftaschen spüren, heute wird dieser Ertrag nur in die Firmengewinne transferiert und über die Mechanismen des Euros in die Welt verteilt.

Dass die Wirtschaft brummt, beim normalen deutschen Arbeiter und Angestellten davon aber nicht viel ankommt, ist also wahr, es ist aber primär nicht Folge des "bösen Marktes" oder des "Kapitalismus", sondern das Ergebnis einer Verzerrung von Marktkräften, eine Folge des fehlkonstruierten Euros.

Die Not unser Geld zur Sicherheit in andere Währungen zu tauschen, gäbe es dann natürlich auch nicht, denn es gäbe keinen Grund aus der D-Mark heraus zu gehen. Wünsche von Geldpolitik-Alchemisten das Bargeld abzuschaffen, wären ohne Grundlage und würde es nicht geben.

Das ist natürlich die rein fiskalisch-ökonomische Sicht, die ich hier darstelle. Es gibt auch eine politische Komponente und die Frage ist berechtigt, ob ein nach wie vor wünschenswertes, geeintes Europa, mit so divergenten Währungen überhaupt möglich ist?

Vielleicht ja, vielleicht nein, das ist ein ganz anderes Thema. Klar ist aber, dass der real existierende Euro mit seiner inneren Fehlkonstruktion, Europa nicht mehr eint, sondern auseinander treibt.

Klar ist auch, dass eine Währungsunion immer am Ende eines politischen Einigungsprozesses stehen muss und nicht am Anfang. Also einigt Euch mal endlich in Brüssel, wenn ihr den Euro wirklich "retten" wollt!

Die Chance der einigenden Wirkung, wurde aber wohl im ersten Jahrzehnt des neues Jahrtausends vertan. Damals als die positiven Effekte der Währungsunion noch überwogen und Südeuropa einen Boom durch stark fallende Kreditzinsen bescherte, war der ideale Zeitpunkt. Jetzt sind die Scherkräfte und ihre politischen Profiteure schon da.

Diese Chance wird also wohl nicht wieder kommen, da bleibt in meinen Augen nur Illusion und Trauerarbeit. Je früher wir diese Illusion beenden und der Wahrheit ins Auge schauen, desto besser.

Ihr Michael Schulte (Hari)

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