Die guten Vorsätze oder: Wird 2015 alles anders?

Das Jahr 2014 neigt sich dem Ende zu und so ist es wieder Zeit für die guten Vorsätze zum neuen Jahr. Der Jahreswechsel bietet die Chance, vergangene Fehler und Probleme hinter sich zu lassen.

Objektiv ist der Jahreswechsel natürlich nur ein weiterer Tag auf dem Kalender, aber emotional ist es für uns Menschen eine Wegscheide zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und unsere Emotionen beeinflussen uns weit stärker, als uns oft bewusst ist - gerade erfahrene Marktteilnehmer wissen das ganz genau.

Das Dumme mit den guten Vorsätzen ist, so ehrlich sie im Moment sind, schon nach einigen Tagen im neuen Jahr steckt man wieder im alten Trott und nichts hat sich wirklich geändert. Ausser, man hat einen guten Vorsatz nicht nur einfach so daher gesagt, sondern hat einen Plan entwickelt, an den man sich dann auch hält - einen Plan, der das Ziel hat, das Leben wirklich zu verändern.

Gerade beim Thema der Fitness bzw Gewichtsabnahme kann man diesen Mechanismus wunderbar beobachten. Es gibt tausende an "Diäten" und klugen oder wenigen klugen Tips zum Thema. Eine ganze Industrie lebt von der Verheissung eines "schnellen" und "entbehrungslosen" Weges zu mehr Gesundheit und einem besseren Körper. Und es ist leicht, mit guten Vorsätzen schnell mal ein paar Kilo abzunehmen.

Aber dann ..... dann, nach den ersten Erfolgen, trennt sich der Weg der Minderheit, die wirklich diszipliniert ihre Ernährung und Lebensweise umstellt von der Mehrheit, bei der der Jojo-Effekt gnadenlos zuschlägt.

Denn es gibt eben keinen "leichten" und "schnellen" Weg zu einem schlanken, gesunden Körper und wenn eine gigantische Industrie das verspricht, muss man sich mit klarem Verstand die Frage stellen, ob diese Industrie überhaupt eine Interesse daran haben kann, dass ihre Kunden wirklich dauerhaft erfolgreich sind. Wohl kaum, denn dann würde die Industrie sich selber abschaffen, Teile der Industrie leben vielmehr gerade von der immer neu erweckten, aber nicht wirklich erfüllten, Hoffnung auf den "leichten" und "schnellen" Weg.

Und damit sind wir bei der Börse und dem Anlageerfolg der normalen Anleger. Auch hier gibt es eine riesige Finanz-Industrie, die teilweise mit Prognosen und Produkten den leichten Anlageerfolg verspricht. Dumm nur, dass auch das für die Mehrheit gar nicht funktionieren kann, denn es liegt in der Natur der Sache, dass immer nur eine Minderheit dauerhaft besser als der Marktschnitt abschneiden kann. So ist das nun einmal mit Durchschnitten. 😉

Und auch hier gilt, Teile der Industrie können gar kein Interesse daran haben, dass ihre Kunden selber zu erfolgreich und selbstständig werden, denn dann würden diese durch die Girlanden des Marketings schauen und erkennen, mit welch lauem Wasser viele hochtrabende "Anlageprodukte" gekocht sind.

Nun war 2014 für viele Anleger sicher ein eher schwieriges Jahr. Wir hatten wilde Swings, die für alte Fahrensmänner zwar nichts Neues sind, viele Marktteilnehmer die erst seit 2009 bzw 2011 in den Märkten unterwegs sind, kennen diese aber noch gar nicht.

Und so werden auch zum Thema ihres Anlageerfolges viele Anleger für 2015 gute Vorsätze haben: 2015 wird alles anders und besser!

Wirklich?

Denn wenn Sie an der Art, wie Sie an den Markt heran gehen und an Ihrem Wissen um Zusammenhänge und Mechanismen nichts Grundlegendes ändern, warum soll das in 2015 wirklich anders werden? Weil Sie in 2015 mal eine Glückssträhne haben? Oder gibt es einen anderen belastbaren Grund?

Nein, wenn hinter diesem guten Vorsatz kein konkreter Plan steht, den man dann auch verfolgt, dann wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder nichts. Ein Plan ist zwar keine Garantie für Erfolg, aber eben notwendige Voraussetzung. Die Hauptfehler beim Anlageverhalten stecken sowieso in unserer eigenen Psychologie und wenn man die nicht angeht, kann einem wirklich nur Glück helfen. Auch im Kasino kann man halt mal gewinnen, statistisch gewinnt aber zuverlässig das Kasino. 😉

Wie man überhaupt feststellen muss, dass für die Mehrheit der normalen Anleger, eine passive Strategie die die Marktperformance abbildet, sowieso -> der beste Weg <- sein dürfte. Denn nur eine Minderheit kann dauerhaft gegen Mr. Market bestehen und um das zu schaffen, erfordert es Engagement, Disziplin und jede Menge Erfahrung und Wissen.

Wenn Sie aber zu der Minderheit gehören wollen und selbst wenn Sie nur Ihre klassischen Fehler verringern wollen um bei der Marktperformance mitzuhalten, müssen Sie Zeit und Energie investieren. Anders geht das nach meiner festen Überzeugung nicht.

Nehmen Sie mich selber als Beispiel. Ich bin seit über 20 Jahren, seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, an den Märkten unterwegs und ich habe alle Fehler gemacht, die man so typischerweise macht. Genau deshalb kann ich auch so gut über diese typischen Fallen schreiben, alles eigene Erfahrung. 😉

Und ich habe ca. 10 Jahre gebraucht, bis sich für mich "mein" Weg heraus schälte, auf dem ich meine Rahmenbedingungen, meine individuellen Fähigkeiten, wie auch meine individuellen Schwächen, in sinnvoller Art und Weise kanalisieren konnte. Die 2000er Internet Blase war für mich das erste systematische Erfolgserlebnis abseits von Glück, in dem ich mich aus der Herde entfernen konnte und merkte, was bei mir mit meiner Psychologie funktionierte und was nicht.

Dieser mein Weg ist immer noch keine Garantie für permanenten Erfolg, das kann er gar nicht sein, weil der Markt ein -> reflexives Wesen <- ist und sich permanent wandelt - und man selber passt sich an oder geht unter. Aber mein Weg funktioniert für mich persönlich, hart erarbeitet ist er auf jeden Fall.

Hätte ich einen guten Mentor gehabt, hätte ich die 10 Jahre vielleicht auf 5 reduzieren können und mir ein paar klassische Fehler erspart, 5 Jahre der Suche nach dem eigenen Weg wären es aber bestimmt immer noch geworden.

Jetzt gibt es im Web glücklicherweise schon einige seriöse Angebote, die Ihnen auf diesem Weg helfen und Ihnen keine Finanzprodukte verkaufen wollen. Ich zähle diesen Blog dazu. Eine Erfolgsgarantie verschafft Ihnen der Inhalt dieses Blogs aber ebenso wenig, wie andere wertvolle Informationen. Aber eine Chance, Ihren eigenen Weg zu finden, verschaffen Ihnen die richtigen Quellen. Und mehr als eine Chance gibt es am Markt nie und überhaupt eine Chance zu haben, ist eine ganze Menge und nicht selbstverständlich.

Sie haben also die Wahl. Sie können ab 2015 Zeit und Energie in Ihren Börsenerfolg investieren. Dann sollten Sie sich seriöse Quellen suchen, die Sie ein Stück weiter bringen. Oder Sie können Ihr Geld -> in gute Hände geben <- und mit Ihrer Zeit etwas Besseres tun, als sich mit untauglichen Mitteln dem Wettbewerb mit Mr. Market zu stellen. Letzteres ist ganz klar der Rat, den ich ausdrücklich der Mehrheit der normalen Anleger geben will.

Nun weiss ich ja, dass dieser Blog im freien Bereich von vielen gelesen wird, die zögern und sich fragen, ob Sie zu dieser Community dazu stossen sollten. Ich habe kurz darüber nachgedacht, denen einen Anstoss zu geben, nun zum Jahreswechsel zu handeln oder eben das Thema zur Seite zu legen. Denn eines ist klar: der Zustand des Zögerns ist unproduktiv. Tue es, oder tue es nicht.

Der klassische psychologische Trigger wäre ein zeitlich sehr eng beschränkter Rabatt auf die Mitgliedschaftsgebühr für Neueinsteiger rund um den Jahreswechsel gewesen, frei nach dem Motto "Gute Vorsätze". Wir kennen diese vertriebliche Methode ja zu Genüge, die eine der vielen menschlichen Schwächen aufdeckt, die auch der Markt immer wieder gnadenlos bestraft - Sie wissen schon: "Kauf mich jetzt", "Limited Edition" und "Nur solange der Vorrat reicht". 😉

Ich habe diesen Gedanken aber ganz schnell wieder verworfen, denn es wäre kontraproduktiv und solche vertrieblichen Pirouetten passen nicht zu dem Ansatz, den ich hier vertrete. Und es sind ja gerade diese psychologischen Schwächen, bei denen ich Ihnen hier weiterhelfen will, denn diese stehen auch dem Markterfolg immer wieder im Weg - hier ist es die berühmte und im Premium-Bereich immer wieder thematisierte "Angst zu verpassen".

Und mal ganz ehrlich, wer die Frage, ob sie/er über Jahre intensiv Zeit und Energie in den Anlageerfolg investieren will, von ein paar Euro mehr oder weniger bei einer Mitgliedschaft abhängig macht, zäumt das Pferd vom Schwanz her auf. Das wäre so, wie wenn jemand eine grundlegende Umstellung seines Lebensstils und seiner Nahrungsaufnahme, von einem kleinen Rabatt bei einem Fitnessplan abhängig machen würde.

Nein, Sie haben die Wahl und Sie haben eine Chance. Aber einen einfachen Weg zum reproduzierbaren Erfolg an den Märkten gibt es nicht. Und einen generellen und pauschalen Weg, der für alle Menschen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen und Rahmenbedingungen gleichermassen funktioniert, gibt es auch nicht.

Wenn Sie also gute Vorsätze für 2015 haben wollen oder wenn Sie erkennen, dass Sie im Zeitalter der finanziellen Repression sowieso keine andere Chance haben, als Ihr finanzielles Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, weil es keine risikoarme Rendite mehr gibt - dann machen Sie es dieses Mal und ab 2015 richtig und mit mehr Substanz, als nur mit ein paar guten Vorsätzen. Oder lassen es gleich bleiben und wenden sich anderen Dingen zu - das Leben ist schön und hat vieles zu bieten.

Ihr Hari

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Macht eine langfristig passive Bluechip Strategie Sinn?

Der folgende Artikel erschien schon Donnerstag 11.12.14 15:20 in Hari Live und wurde zwecks Anonymisierung und Verständlichkeit für den freien Bereich überarbeitet

Im Forum gab es eine Frage, die ich hier ausführlich als Artikel beantworten will, weil mir das Thema von so allgemeinem Interesse zu sein scheint, dass es jeder wahrnehmen sollte.

Es ist die Frage eines Mitglieds, ob eine langfristig passive Bluechip Strategie Sinn macht, also sozusagen "Buy and Hold" mit Bluechips a la 3M, Johnson&Johnson, MC Donalds, Kellogg, Procter&Gamble und Co.

Die Anlage in solchen Werten wird ja in Deutschland von interessierter Seite gerne als "Value-Strategie" verkauft und erfreut sich grosser Beliebtheit. Kaum fängt jemand an sich mit Börse zu beschäftigen, hat er schon "Warren Buffett" und "Value" im Mund, es hört sich ja auch zu einfach und überzeugend an. So wie ein Baby als erste Worte typischerweise "Mama" und "Papa" sagen kann, sind "Warren Buffett" und "Value" die ersten Worte deutscher Anleger. 😉

Komisch nur, dass trotz dieses überzeugenden Konsens, nur die wenigsten an der Börse wirklich erfolgreich sind. Diese Divergenz zwischen eingängigem Erklärungsmodell und mangelndem Erfolg, sollte ja zum Nachdenken anregen, tut es aber erstaunlicherweise in der Regel nicht.

Wie ich darüber denke, habe ich im Artikel -> Gedanken zum langfristigen Vermögensaufbau und zum Zerrbild des Value-Investing <-
ausführlich dargestellt - ein Artikel, den ich Ihnen auch heute zum Lesen empfehle, falls sie ihn noch nicht kennen.

Nun also meine Antwort auf die Frage des Mitglieds:

Theoretisch (zu dem Begriff komme ich noch) ist es für 80-90% der Anleger tatsächlich am Besten, sich Bluechip-ETFs wie beispielsweise den iShares Global Titans (WKN: 628938) passiv ins Depot zu legen, diese dann unter Ausnutzung des Cost Average Effektes langfristig zu akkumulieren und gut ist es!

Denn Markt-Timing bekommt nur eine Minderheit hin, erfordert viel Wissen und vor allem Disziplin und Kenntnis der eigenen Psychologie. Und wir erleben ja hier auch immer wieder, dass es trotz meiner Hinweise und meiner offensichtlich brauchbaren "Glaskugel", trotzdem immer noch nicht einfach ist. Was soll da erst "Otto Normalanleger" sagen, der nur den Mainstream Nachrichten hinterher läuft und damit sowieso immer im falschen Moment agiert, wenn der Käse schon längst gegessen ist?

Bevor ich aber zum "theoretisch" komme, noch der Hinweis, dass die Annahme, dass immer die grossen Bluechips die Besten seien, in meinen Augen ein unzulässige Annahme ist. Unzulässig ist sie deshalb, weil selbst ein Betrachtungszeitraum von 20 Jahre für die generelle Aussage zu kurz ist.

Es waren in den letzten 20 Jahren diverse Entwicklungen, wie zuletzt die finanzielle Repression, die das Geld in Bluechips als Anleihenersatz getrieben haben und daher für eine Überperformance der "grossen Brummer" zum Gesamtmarkt gesorgt haben. Ich kann mir gut Szenarien vorstellen, in denen das in Zukunft anders sein würde.

Stellen wir uns zB mal einen massiven Umbruch wie das Aufkommen der Computer vor. Ich habe das jetzt nicht historisch überprüft, kann mir aber gut vorstellen, dass ein 20 Jahre gehaltener Korb der 1970er Bluechips aus der Vor-Computer-Ära, bis 1990 keineswegs eine Überperformance gegenüber einem Wachstums-orientierten Depot gebracht haben dürfte. Im Gegenteil, einige dieser Bluechips von 1970 waren in den 90ern aus dem Geschäft. So etwas machen halt Umbrüche.

"Past Performance is no indication for future results" - diese Weisheit gilt auch für die Überperformance der grossen Adressen an der Börse, die gerade in den letzten 5 Jahren eklatant gewesen ist. Wir wissen aber auch, warum das so war, das hat mit der Notenbank-Politik zu tun.

Und dass die 2008er Krise, die Bluechips nicht im Kern erschüttert hat und diese gestählt daraus hervor gingen, liegt eben am Charakter der Krise und kann nicht verallgemeinert werden. Ich kann mir auch ganz andere Umbrüche vorstellen, die die Geschäftsmodelle einiger der grossen Namen komplett in Frage stellen und einen "Game Changer" darstellen.

Kommen wir nun aber zu dem wichtigen Wort "theoretisch". Denn die Strategie funktioniert für Otto Normalanleger nur dann besser als jeder Timing-Versuch, wenn er dann aber wirklich durch dick und dünn dabei bleiben würde.

Genau das passiert aber fast nie! Theoretisch ist das alles immer ganz einfach, aber wer noch eine Erinnerung daran hat, wie sich das alles im 4. Quartal 2008 angefühlt hat, weiss was ich meine.

Der mediale Druck war immens. Alles schien zusammen zu brechen und tiefer ging an der Börse immer. "Otto Normalanleger" mit der Strategie einfach dabei zu bleiben, hat dann ganz lange durchgehalten aber irgendwann wurde der Druck zu gross und nachdem sich 50% der angesparten Alterversorgung in Luft aufgelöst hatte, hat er dann doch entnervt verkauft - wahrscheinlich Anfang 2009 auf dem Tiefpunkt.

So ist das immer bei den grossen Einbrüchen. Theoretisch ist "Buy and Hold" immer ganz einfach. Praktisch aber brutal schwierig, ausser man zieht sich in eine Holzhütte im Wald zurück, ohne Internet-Zugang und ohne Zeitung.

Das Verrückte dabei ist, um so eine Phase mit "Buy and Hold" durchzustehen, braucht es einen erfahrenen Anleger, der so etwas schon erlebt hat. Es braucht also einen börsengestählten Geist, der ein Gefühl für Marktschwingungen hat. Denn erst aus der Erkenntnis dieser Mechanismen, erwächst das Selbstbewusstsein und die Ruhe, solche Phasen durchzustehen. Ein Anfänger hat gar keine Chance, er wird immer im falschen Moment in Panik geraten und das Falsche tun.

Heisst mit anderen Worten, wer Buy-and-Hold nicht mit einem monetären Pipifax, sondern mit seiner für das weitere Leben eminent wichtigen Alteicherung!!! durchstehen will, muss entweder die Aussenwelt komplett aussperren können oder er muss das Wissen zu den Märkten aufgesammelt haben, das ich hier vermittele. Ohne die Sicherheit, die aus dem Wissen kommt, wird der durchschnittliche Anleger genau am Tiefpunkt die Nerven verlieren - das ist die zwangsläufige Folge der Reflexivität der Märkte.

Wenn man aber das Wissen um so Zyklen und um Risikomanagement sowieso aufgesammelt hat, fährt man emotional besser damit, wenn man sein "Blue Chip Buy and Hold" mit einem ganz trivialen Risikomanagement unterlegt, wie zum Beispiel die 200-Tage-Linie zu benutzen. Womit es eben kein "Buy and Hold" mehr ist, sondern aktives Markt-Timing, wenn auch ein sehr langfristiges und ruhiges.

Selbst wenn diese Risikomanagement-Strategie langfristig mal keine echte Überperformance gegenüber sturem Buy-and-Hold generieren sollte, ist sie für die menschlichen Anleger trotzdem besser, weil sie das emotionale Kapital schont. Es ist fühlt sich einfach besser an, wenn man sich in den Zeiten der schlimmsten Ängste der Welt einfach zurück lehnen kann, weil man seine Schäflein ins Trockene gebracht hat.

Fazit:

Ja, die grosse Mehrheit der normalen Anleger, fährt mit einer langfristigen Basis-Strategie, die mehr oder weniger dem Markt folgt, wahrscheinlich besser, als mit dem Versuch den Markt intensiv zu timen. Damit das überhaupt gelingen kann und damit man nicht im falschen Moment genau das Falsche tut, braucht es aber zwingend die Sicherheit, die nur aus einem Verständnis des Marktgeschehens resultieren kann.

Es führt in meinen Augen also kein Weg daran vorbei, sich mit den Mechanismen des Marktes zu beschäftigen, sonst hält man die grossen Krisen in der Regel schlicht nicht aus. Das ist der Unterschied zwischen Theorie und langfristiger Praxis.

Ich kann es auch etwas flapsiger formulieren: Eine schwere Weltkrise mit der immens wichtigen, grossen Alteicherung auszusitzen, schafft in der Regel nur ein Autist, oder ein sehr erfahrener Anleger mit guten Nerven und viel innerer Sicherheit, die aus Erfahrung resultiert.

Letzter, der sehr erfahrene Anleger, kann es sich aber leichter machen, denn mit der Erfahrung hat er dann auch das Wissen um ein zumindest rudimentäres Risikomanagement. Und selbst wenn das am Ende keinen monetären Vorteil bringen sollte, lebt es sich mitten in der Krise beschwingter und glücklicher, wenn man mit seiner Alteicherung an der Seitenlinie steht.

Es führt also kein Weg daran vorbei, nur wer den Markt wirklich versteht und das Geschehen einordnen kann, hat eine Chance - egal mit welcher Strategie, ob kurzfristige Trades oder langfristige Anlage. Alle anderen werden von ihren Emotionen in Verluste getrieben.

Und "den Markt zu verstehen" erfordert Zeit und Engagement. Mal schnell was lesen und sich zusammen reimen, reicht einfach nicht aus, dafür sorgt alleine schon die -> Reflexivität <-.

So weit meine Sicht auf die Dinge.

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

E-Commerce Förderung nach Art der EU-Bürokratie:
Mitglieder aus Papua-Neuguinea und Cayman Islands willkommen!
Aus Frankreich, Italien und Finnland dagegen nicht!

Es wäre ja schön, wenn das, was ich Ihnen nun schreiben muss, nur eine Satire wäre.
Oder alternativ ein böser Traum, aus dem man bald aufwacht, weil so verquer kann doch gar niemand denken.

Ist es aber leider nicht. Sondern das worüber ich nun schreiben muss, ist wohl ab 01.01.2015 Realität für alle, die im EU Raum digitale Dienste anbieten - wie eben auch ein Blog mit Mitgliedern wie sumerdigital.

Da werden sich noch einige im Internet umschauen und ich sage schon jetzt ein grosses Chaos bevor. Und dann wird vom Gesetzgeber in einem Jahr "nachgebessert".

Das von der Politik gerne verwendete Wort von der "Nachbesserung", ist sowieso Kandidat für das Unwort des Jahrzehntes, denn es ist für mich eher Ausdruck inkompetenten Handelns der Verantwortlichen. So wie manche Software-Unternehmen ihre Software beim Kunden "reifen" lassen, lässt der Gesetzgeber zu oft undurchdachte Gesetze beim Bürger und vor Gerichten "reifen". Und Bürger und Unternehmen müssen über Steuern diese Inkompetenz auch noch zwangsweise finanzieren.

Lesen Sie zunächst einmal in einem kurzen Überblick, worum es bei der neuen Umsatzsteuerregelung für digitale Produkte und Dienstleistungen geht.

Bisher war das alles einfach und logisch. Wenn man als Privatperson etwas kaufte, galt das Recht des Landes, in dem der Händler sass. Wenn ich mir also unbedingt etwas aus London schicken lassen wollte, war das britische Recht die Grundlage dafür. Und das galt für alle Waren, egal ob digital oder "physisch". So einfach, so logisch und so klar. Ab 2015 ist nun alles kompliziert und voller Ausnahmen.

Um es nicht abstrakt, sondern anhand dieses Blogs konkret zu beschreiben:

  • Wenn sich hier ein Mitglied mit Adresse aus Malta anmelden würde, müsste ich eine Rechnung nach maltesischen Rechnungsvorschriften mit maltesischer Umsatzsteuer erstellen und mich beim Finanzamt Maltas - wahrscheinlich in Landessprache - für die Umsatzsteuer registrieren.
  • Wenn sich hier ein Mitglied mit Adresse aus Rumänien anmelden würde, müsste ich eine Rechnung nach rumänischen Rechnungsvorschriften mit rumänischer Umsatzsteuer erstellen und mich beim Finanzamt Rumäniens - wahrscheinlich in Landessprache - für die Umsatzsteuer registrieren.
  • Wenn sich hier ....... ich denke Sie wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Lustig oder? Nach meiner sehr persönlichen und pointierten Meinung ist das einfach: Schwachsinn!

Damit es keine Missverständnisse gibt, es geht hier um eine Sonderregelung für digitale (nicht physische) Güter. Wenn Sie sich aber physische Waren aus EU Ländern schicken lassen, bleibt alles wie gehabt (bis zu nächsten Gesetzesänderung ;)). Und die Regelung gilt auch nur für Endverbraucher, wer als Unternehmen digitale Güter in der EU bezieht, für den ändert sich auch nichts.

Oder mit anderen Worten: Wenn ich als Verleger einen Artikel per PDF verschicke, bekommt der eine diametral andere Umsatzsteuer-Behandlung, als wenn ich den gleichen Artikel ausdrucke und per Post versende! Und dann unterscheidet sich das noch einmal abhängig davon, ob der Kunde ein Unternehmen oder ein Endverbraucher ist. Und woran erkenne ich bei einer GBR eigentlich das Unternehmen gegenüber dem Endverbraucher? Wie sieht eigentlich eine spanische GBR aus? Schöne neue Welt!

Und damit das nicht wieder nur das beliebte EU-Bashing wird: unsere "kompetenten" Politiker im Parlament haben das schon längst abgenickt und es hat so auch in Deutschland und Österreich Gesetzeskraft erlangt.

Jetzt haben die verantwortlichen Bürokraten und Politiker ja irgendwann im Verlauf dieses Prozesses scheinbar eine Teilerleuchtung gehabt und erkannt, dass es wohl nicht funktionieren kann, dass jeder Einzelunternehmer ca. 20 EU Sprachen spricht und sich mit noch mehr länderspezifischen Eigenheiten im Umsatzsteuerrecht befasst. Diese Erkenntnis erfordert zwar nicht gerade den IQ eines Raketenwissenschaftlers, aber immerhin, wir wollen ja bescheiden sein.

Und so wurde die Idee des "One Stop Shops" bei den landeseigenen Finanzbehörden geboren. Wenn ich mich nun also bei der deutschen KEA (Erklärung siehe Link oben) registriere, kann ich die Umsatzsteuer weiter zentral abführen und muss mich nicht in allen Ländern registrieren und die Landessprache sprechen.

Auf den ersten Blick ja ein sinnvoller Gedanke und zu begrüssen. Nur ist der nach den mir bisher vorliegenden Informationen leider viel zu kurz gedacht. Denn:

  • Erstens ändert die zentrale Abführung nichts daran, dass ich rechtlich dann wohl dem "maltesischen" und "rumänischen" Umsatzsteuerrecht unterliege und daher auch den Strafmassnahmen ausgesetzt bin, die das lokale Recht vorgibt. Die zentrale Abwicklung entbindet mich natürlich nicht davon, mich nach "maltesischem" und "rumänischem" Recht zu verhalten, was immer das ist und was immer das bedeutet - mögliche Straftatbestände im Umsatzsteuerecht eingeschlossen.
  • Zur Rechnungsstellung zitiere ich aus dem Leitfaden der EU, den man unter obigem Link finden kann: "Für die Rechnungsstellung gelten die Vorschriften des Mitgliedstaats des Verbrauchs. Deshalb sollten sich die Steuerpflichtigen über die maßgeblichen Bestimmungen der Mitgliedstaaten informieren, in denen sie Dienstleistungen erbringen." Ah ja, ich informiere mich also über die Bestimmungen von über 20 EU Ländern und beachte diese bei der Rechnungsstellung. So viel zum "One Stop Shop".
  • Auf jeder Rechnung müsste ich nun die lokale Umsatzsteuer ausweisen und die unterscheidet sich eben. Heisst unterschiedliche Rechnungen und Beträge je nach Land.
  • Nach der Preisangabenverordnung müsste ich aber jedem EU Bürger seinen Bruttopreis zeigen, was bei identischen Nettopreisen die Programmierung eines dynamischen Systems erfordert, dass je nach Nationalität des Mitglieds die jeweils richtigen Brutto-Preise zeigt.
  • Oder alternativ kann ich den Umsatzsteuer-Irrsinn in der EU auf die eigenen Schulter nehmen, die Brutto-Preise für alle gleich lassen und dafür um so weniger Netto einnehmen, je höher der Umsatzsteuersatz des Landes ist.

Motivation dieses (für mich) gesetzgeberischen Schildbürgerstreiches war möglicherweise, den Effekt einzudämmen, dass sich grosse E-Commerce Anbieter natürlich bisher als Sitz das Land ausgesucht haben, das den geringsten Umsatzsteuersatz hatte. So blieb bei identischen Bruttopreisen, Netto der grösste Gewinn bei den Konzernen hängen. Warum wohl verschickt Amazon offiziell aus Luxembourg?

Das Problem ist ja auch real vorhanden und sollte gelöst werden. Bis zu diesem Punkt, habe ich volle Zustimmung.

Auf den einzig logischen Gedanken, um das Problem an der Wurzel zu packen - nämlich die völlig sinnfreien unterschiedlichen Umsatzsteuersätze in der EU zu vereinheitlichen - ist der politisch-bürokratische Komplex aber scheinbar nicht gekommen. Beziehungsweise er hatte scheinbar keine Bereitschaft, sich hier ausreichend zu bewegen. Ist ja auch kein Problem, wenn man die Komplexität auf den Rücken der vielen kleinen Unternehmen abwälzen kann. Das ist mal E-Commerce Förderung nach Politiker-Art. Wer hier Sarkasmus findet, kann ihn behalten.

Das Absurde dabei ist, dass man damit nach meiner Vermutung ein ganz neues Problem geschaffen hat. Denn was bisher Sport der Grossunternehmen war, könnte nun vielleicht Sport der Bürger werden - Stichwort: "Wahl des Standortes zur legalen Umsatzsteuerverkürzung".

Denn im E-Commerce digitaler Güter hat die reale Adresse nur die Bedeutung, dass diese auf der Rechnung steht. Alles andere läuft elektronisch, denn physikalisch geliefert wird ja nichts. Und auch die Rechnung wird elektronisch verschickt.

Wer also nun im Land mit einer hohen Umsatzsteuerbelastung wohnt, wird sich nach meiner Vermutung erstens einen Shop suchen, in dem die Brutto-Preise länderspezifisch angepasst werden und sich zweitens dort mit einer Adresse aus einem EU Land mit geringerer Umsatzsteuer anmelden. Voila - mehrere Prozent beim Einkauf digitaler Güter gespart. So hat eine Adresse in Luxembourg nun auch für Otto-Normalverbraucher plötzlich Mehrwert, ich bezweifele, ob die Bürokraten so weit gedacht haben. Aber kein Problem, dann wird "nachgebessert", siehe oben.

Jetzt kann ich nicht sagen, ab wann die Verwendung abweichender Adressen bei der Bestellung rechtlich ein Problem für die Verbraucher darstellt und illegal wird. Wahrscheinlich ist auch das sehr länderspezifisch und jedes Rechtssystem wird das vermutlich leicht anders sehen. Wer aber eine reale vorhandene Adresse wie zum Beispiel eine Zweitwohnung oder die Wohnung der Eltern angibt, in der er sich auch immer wieder real aufhält, sollte nach meinem bescheidenen Rechtsverständnis (ohne Gewähr, ich bin kein Jurist!) zumindest in Deutschland kein Problem haben. Zumindest in Deutschland ist mir persönlich bisher kein Gesetz bekannt, das mir als Privatperson verbieten würde, eine Lieferadresse abseits meiner Hauptwohnung anzugeben. Viele lassen sich ja auch an ihren Arbeitsplatz liefern, eine völlig gängige Praxis von Endverbrauchern.

Abgesehen davon, haben doch Unternehmen sowieso keine Chance, die Richtigkeit von Adressen zu überprüfen, solange die Adresse irgendwo real existiert und nicht gerade den Planeten Mars als Lieferort ausweist. Und kleine Unternehmen haben diese Chance schon gar nicht. Was der Kunde schreibt gilt, so einfach ist das in der Realität. Und wenn einer deklariert, er wohne in Papua Neuguinea, dann muss ich das glauben, eine andere Chance habe ich doch gar nicht.

In Summe wurde nach meinem Eindruck hier "von hinten durch die Brust ins Auge" geschossen und eine etablierte und gut funktionierende Regelung ohne echten Anlass in endlose Ausnahmen überführt. Was der volkswirtschaftliche Sinn davon sein soll, ein gedrucktes Buch umsatzsteuerlich völlig anders zu behandeln, als wenn man das Buch per Kindle herunter lädt, können wohl nur Menschen mit ganz besonderen Gehirnwindungen verstehen. Ich gehöre scheinbar nicht zu dieser Spezies.

Es gäbe in meinen Augen nur eine einzige wirkliche Lösung, um das berechtigte Problem der umsatzsteuerlichen Optimierung von Konzernen ala Amazon zu lösen. Eine Lösung, die ebenso logisch wie einfach ist und funktionieren würde, ohne den Bürgern oder Unternehmen zusätzliche Lasten aufzuerlegen.

Und das wäre ein einheitlicher Umsatzsteuersatz in der EU! Denn genau da liegt das Problem und nirgend wo anders. Aber das wäre ja zu einfach und dann müsste der politisch-bürokratische Komplex sich ja mal produktiv in Bewegung setzen. Solange der Komplex aber seine Gehälter und Pensionen sowieso vom Steuerzahler erhält, egal wie unproduktiv die eigene Leistung ist, wird sich daran wohl nichts ändern.

So habe ich - wie viele andere die im Internet digitale Inhalte anbieten - nun ein Problem ab 01.01.2015.

Und ich werde das voraussichtlich auf radikale Art und Weise mit Verweigerung lösen, in dem ich Mitglieder mit Adressen aus EU Ländern (mit Ausnahme von Österreich, dazu später mehr) nicht mehr akzeptiere. Glücklicherweise haben wir ja noch Vertragsfreiheit und ich kann mir noch aussuchen, mit wem ich einen Vertrag schliessen will und wohin ich "liefern" will - und wohin nicht.

Ich bedauere sehr, das tun zu müssen, bitte aber um Verständnis, dass ich einfach keine Wahl habe. Ich habe weder die sprachlichen Fähigkeiten, noch die rechtliche Kompetenz, mich mit dem Umsatzsteuerrecht in Griechenland, Irland, Zypern, Estland, Slowenien und so weiter auseinander zu setzen und mich dort rechtlich als umsatzsteuerpflichtiges Unternehmen zu exponieren. Das können bestenfalls Grosskonzerne mit riesigen Rechtsabteilungen und selbst die, werden ihre Probleme haben.

Solange auf der rechtlichen Seite keine Vertrauensschutzregelung existiert, sehe ich persönlich keinen Weg, der mich davon entbindet, mich den Gesetzen jedes einzelnen Mitgliedslandes stellen zu müssen. Die derzeitige Konzeption der "KEA" ist so eine Vertrauensschutzregelung auf jeden Fall nicht. So eine Vertrauensschutzregelung wird bestimmt unter dem Druck und der Wut "der Strasse" kommen, daran habe ich wenig Zweifel, denn anders geht es einfach nicht. Aber diese ist eben derzeit nicht da, auch da wird wohl mal wieder in 2015 und 2016 "nachgebessert".

Mitglieder aus Papua-Neuguinea und Cayman Islands sind mir also weiter herzlich willkommen! Aus Frankreich, Italien und Finnland dagegen ab 01.01.2015 nicht mehr!

Das ist eben E-Commerce Förderung in der EU nach Bürokraten-Art. Beschwerdeschreiben richten Sie bitte an Ihren Bundestagsabgeordneten, der das potentiell abgenickt hat, ohne sich damit auch nur 10 Minuten inhaltlich zu befasssen.

Ich bin übrigens sicher, dass die Verbraucher diesen Effekt in Zukunft bei vielen kleineren Shops für digitale Güter erleben werden. Man wird als "EU-Ausländer" nicht mehr so einfach kaufen können. Es wird zu einer Renationalisierung führen und dem Gedanken des freien Binnenmarktes komplett zuwider laufen. Aber wie gesagt: -> Nachbesserung. Die "Lösung" für alle, die nicht fähig sind, etwas gleich richtig zu machen.

Diese "Nachbesserung" wird kommen. Denn dieses Gesetz macht für mich in dieser Form hinten und vorne keinen Sinn.

Günther Oettinger, bitte übernehmen Sie!

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Trading – Von Abwehr auf Angriff umschalten

Der folgende Artikel erschien 21.10.14 18:20 in Hari Live und wird hier in gekürzter Form in den freien Bereich gestellt

Kennen Sie das auch? Wenn eine Mannschaft beim Fussball zu stark in die Defensive gerät und sich zurück drängen lässt und nur auf die Verteidigung konzentriert, dann sehen wir oft am Spielfeldrand den Trainer mit den Armen rudern und "Raus! Raus!" schreien.

Meistens hören die Spieler das aber gar nicht mehr, zu sehr ist ihre Psyche nun auf Abwehr gerichtet. Dass man auch Angriff spielen könnte, scheint in der Dynamik des Momentes vergessen. Und schnell zwischen Abwehr und Angriff hin und her zu schalten, ist eine der Übungen, die nur gute Mannschaften so richtig "drauf" haben.

Auch an der Börse ist das für uns eine der schwierigsten Aufgaben. Und ich bin ganz sicher, einigen von Ihnen ist das in den letzten Tagen so gegangen.

Da dürften auch einige dabei sein, die eher etwas zu spät unter dem Eindruck der doch immer weiter fallenden Kurse ausgestiegen sind und erst spät das getan haben, was ich schon viel weiter oben gepredigt habe: Risikomanagement.

Und die dann bei dem brutalen und auch für mich überraschenden Taucher des DAX unter 8500 am Donnerstag Vormittag, ermattet aber glücklich durchgeschnauft haben, weil sie endlich draussen waren. Jetzt hätte es für diese Anleger immer weiter runter gehen können, nur will uns der reflexive Mr. Market diesen Gefallen nie tun, denn der hört systemimmanent genau dann auf zu fallen, wenn die Letzten raus geschüttelt wurden. Und so wurde der unerwartete Taucher unter 8500 zur brutalen Bärenfalle. Eine ähnliche Falle wurde den Bären noch einmal heute im frühen Handel aufgestellt.

So kam der Rebound über 8500, der ein erstes Zeichen einer möglichen Wende war. Und im S&P500 Future deutete sich parallel der Doppelboden an, den ich noch am Donnerstag 16.10. Nachmittag mit den deutlichen Worten "Achtung!" in Hari Live thematisiert hatte und von dem wir so schön profitieren konnten.

Jetzt hätten viele also ab letzten Donnerstag schnell und flexibel von Abwehr auf Angriff umschalten müssen, oder zumindest sich langsam eine Angriffsstrategie zurecht legen, wenn sie nicht kurzfristig, sondern mittelfristig agieren. Nur vielen dürfte das emotional gegen den Strich gegangen sein, endlich ist man draussen und will nun auch mal seine Ruhe haben!

Und deshalb machen wir Menschen dann erst einmal gar nichts und bleiben in unserem dominanten Modell (hier Defensive), das ja zuletzt so hervorragend funktioniert hat. Und wenn die Kurse dann doch steigen, kommt auch die Reue dazu, nicht dabei zu sein. Und die nagt an uns und macht unzufrieden.

Man könnte also sagen, unsere Psychologie ist ein Tanker, der zu lange braucht um sich zu lösen und zu drehen. Wie leicht oder schwer es uns dabei fällt, von Abwehr auf Angriff umzuschalten, ist aber auch stark vom Typus abhängig. Gerade der Typus "Gründler", den ich hier schon einmal beschrieben habe - Menschen also, die Dingen gerne auf den "Grund" gehen und typischerweise sich auch gerne in Details vertiefen - tut sich schwer damit, schnell umzuschalten. Wer dagegen eher immer das "grosse Ganze" im Blick behält, alles mitbekommen will und Details daher vermeidet wo möglich, hat es da psychologisch einfacher in einem volatilen Markt.

Und deshalb ist es so eminent wichtig, dass wir uns mit unserer Strategie, wie zum Beispiel mit dem Pattern Trading, das ich Ihnen zuletzt am S&P500 so erfolgreich gezeigt habe, einen objektiven Rahmen geben, dem wir dann auch folgen. Denn der Rahmen - wie bei mir die Muster (Pattern) - sagt einem dann schon, wann es Zeit wird von Abwehr auf Angriff umzuschalten. Dass das funktioniert, haben wir gerade wieder gesehen.

In jedem Fall aber müssen wir dieses Grübeln vermeiden, wie die Kurse morgen sein werden. Das macht uns nur fertig und wir bleiben dann in der Regel im alten Verhalten und warten ab und sind dadurch gerade nicht in der Lage umzuschalten.

Also: es gibt viele Wege von Abwehr auf Angriff umzuschalten. Der "normale" und für die meisten auf der mittelfristigen Zeitebene wohl auch Richtige, ist der gleiche Weg, mit dem wir aus dem Markt ausgestiegen sind: der inkrementelle Einstieg in Schritten anhand der Marken und Muster.

Aber es gibt eben auch Methoden, mit denen man aggressiv solche Rebounds spielen kann und frühzeitig dabei sein - mit höherem Risiko natürlich. Dafür aber ist für diese Methoden egal, ob es sich um einen nachhaltigen Rebound oder nur um einen mehrtägigen Bounce im bestehenden Abwärtstrend handelt - Hauptsache der Kurs steigt die nächsten 24 Stunden, dann ist man bei solch aggressiven Einstiegen in Wende-Momentum, schon auf der sicheren Seite.

Welchen Weg man aber auch für sich persönlich geht, entscheidend ist, dass man den Wechsel von Abwehr auf Angriff überhaupt vollzieht und nicht verschläft, weil man keine Lust hat, sich schon wieder auf eine neue Situation einzustellen.

Denn ohne Angriff, kann man kein Spiel gewinnen. Beim Fussball ist das so. Ohne Abwehr aber auch nicht. Das Umschalten zwischen beidem, ist das grosse Geheimnis des Erfolges - nicht nur beim Fussball!

Und mit aktivem Handeln am Markt, können auf die Dauer nur die Menschen erfolgreich sein, die es lieben und es spannend finden, sich auf neue Situationen einzustellen.

Wer diese Psychologie nicht in sich hat, sollte sich eine langfristig orientierte, eher passive Strategie zurecht legen, die idealerweise rein von Indikatoren getrieben wird. Und die damit für Ruhe und Beständigkeit sorgt.

Oder er kann zwar aktiv handeln, muss aber den Zeithorizont so wählen, dass er nur auf langfristigen Charts agiert und sich daher für die täglichen Schwankungen nicht interessiert. Das erfordert aber auch die geistige Disziplin, das tägliche Geschehen und die Nachrichten in den Medien ignorieren zu können.

Den eines ist der Markt garantiert nicht: ruhig und beständig. Ich *liebe* ihn dafür! 😀

Ihr Hari

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Grundlagen des Shortens – Wat is en Dampfmaschin?

Im Premium Bereich habe ich auf Wunsch der Mitglieder eine Reihe zu den Grundlagen des Shortens (für Anfänger) begonnen.

Hier ist der erste Artikel vom Montag 13.10.14 13:00 Uhr, der erklärt, was es eigentlich mit der "Wertpapierleihe" auf sich hat und wie ein Leerverkauf funktioniert.

Die weiteren Artikel der Reihe, bis hin zu konkreten Instrumenten, bleiben dem Premium-Bereich vorbehalten.

Im Forum war Ende letzter Woche von unserern Mitgliedern der Wunsch vorhanden, ob ich nicht mal einen Grundsatzartikel zum Shorten schreiben könnte, um die Grundlagen zu erklären für die, die das noch nie gemacht haben.

Das will ich gerne tun. Beim Nachdenken darüber, wie ich das "didaktisch" am Besten anfasse, wurde mir schnell klar, dass das Thema zu umfangreich für einen einzigen Artikel ist.

Mit dem heutigen Tage beginne ich daher eine Serie "Shorten", in der ich in lockerer Folge die Grundlagen vermitteln will, je nachdem wann ich dazu Zeit und Lust finde.

Zu Beginn denke ich, ich muss erst einmal erklären, was ein Leerverkauf überhaupt ist und was es mit der Wertpapierleihe auf sich hat. Und warum man als normaler Anleger von all dem wenig merkt, wenn man zum Beispiel mit einem CFD einfach Short geht.

Denn wenn Otto Normalverbraucher oder die Politik - deren intellektuelles Niveau zu dem Thema auch nicht weiter als das von Joe SixPack ist - die Worte "Leerverkauf" hört, dann löst das ja sofort Schnappatmung aus und Bilder von Zigarren rauchenden Zockern wabern durch das Hirn. Zocker, die wie der Gottseibeiuns, nur Böses im Schilde führen und treue und ehrlich arbeitende Firmen "manipulieren" wollen. Ganz zu schweigen von den bösen Zockern, die ja an den Nahrungsmittelpreisen Schuld sein sollen - irgendwie halt, so richtig fassen kann Joe SixPack das zwar nicht, aber wird schon irgendwie die Richtigen treffen. 😉

Da wir uns mit so Plattheiten hier aber nicht zufrieden geben wollen, müssen wir mal die Grundsatzfrage stellen:
.
Äh .. Entschuldigung, ich meinte natürlich "Wat is en Leerverkauf", aber so oder so: "Da stelle mer uns janz dumm!" 😉

Wir begeben uns daher in einem Gedankenspiel zurück in das Jahr 1850, in das schöne Land Kalifornien, in dem gerade ein Goldrausch tobt. Sie haben einen Bekannten, der einen kleinen Claim ergattern konnte und tatsächlich ist es ihm gelungen so viel Gold heraus zu holen, dass er das nun in einen 10-Unzen Barren pressen konnte, den er nun wie seinen Augapfel hütet - "mein Schatzzzzzz" halt. 😉

Sie als kundiger und rationaler Beobachter, sind aber der festen Überzeugung, dass die aktuell aufgerufenen Goldpreise viel zu hoch sind und bald wieder zusammen klappen werden. Ihr Bekannter sieht das aber ganz anders herum, er ist euphorisiert und glaubt, dass der Goldpreis nur den Weg nach oben kennt, weswegen er seinen Barren auch nicht hergeben will.

Sie aber, würden so gerne aus Ihrem Wissen, dass Gold bald fallen wird, Kapital schlagen. Nur wie sollen Sie das tun? Es gibt kein Internet und noch nicht einmal Telefon. Mit wem sollen Sie denn handeln? Sie können auch zu keiner Bank gehen, die Ihnen einen "Short" auf Gold anbieten kann und als Gegenpartei dient. Das Einzige was Sie haben, ist so ein Goldhändler in der Kleinstadt, der jeden Tag am Nachmittag einen Kurs raushängt, der (hoffentlich) von einer Börse im fernen New York abgeleitet ist. Dieser Kurs ist Ihr einziger Massstab, nur wie wollen Sie damit von Ihrem Wissen um einen fallenden Goldpreis profitieren?

Da fällt Ihnen wieder Ihr Bekannter ein und Sie haben eine innovative Idee. Sie bieten Ihrem Bekannten an, seinen Goldbarren von ihm zu leihen und garantieren ihm, ihm den Goldbarren genau drei Monate später wieder zu geben. Sobald Sie den Barren geliehen haben, gehen Sie zum Händler und verscherbeln den Barren für Dollar. Da Sie ja davon ausgehen, dass der Barren drei Monate später weniger wert ist, rechnen Sie damit, dass Sie einen Barren zum Zurückliefern an Ihren Bekannten dann in 3 Monaten beim Händler billiger zurück kaufen können. Die Differenz ist Ihr Gewinn!

Theoretisch ist das eine superbe Idee. So könnten Sie von fallenden Kursen profitieren, weil Sie heute etwas verkaufen, das Sie sich geliehen haben, um es dann in der Zukunft billiger zurück zu kaufen.

Das Dumme ist nur, warum sollte Ihr Bekannter da mitmachen? Er hat den Barren doch heute schon und hat keinen Vorteil davon, Ihnen den zu leihen und damit sogar noch ein Risiko zu gehen, dass Sie ein Betrüger sein könnten und mit dem Barren einfach verschwinden. Und ohne einen realen Barren den Sie über den Tresen schieben, wird Ihnen der Goldhändler heute kein Geld auszahlen.

Um Ihrem Bekannten den Deal schmackhaft zu machen, müssen Sie ihm also etwas anbieten und das ist sinnvollerweise ein Zins oder eine Gebühr dafür, dass er Ihnen den Barren leiht. Sie bieten ihm also einige Prozent des Barrenwertes für die Leihdauer an, die sie ihm sofort zahlen werden. Diese "Leihgebühr" schmälert zwar am Ende Ihren Gewinn, aber immerhin, das überzeugt Ihren Bekannten.

Denn er hat jetzt (vermeintlich) auch nur Vorteile, er hat seinen geliebten Barren weiter und kann langfristig an dessen (vermeintlicher) Wertsteigerung partizipieren und bekommt dazwischen noch einige Prozent Leihgebühr für ein paar Monate.

Alle sind also happy und wer am Ende der drei Monate dann happy ist, werden wir sehen. 😉

Genau das ist ein Leerverkauf mit Wertpapierleihe! Und es ist die einzige Art und Weise, um bei Assets seriös von fallenden Kursen zu profitieren. Man muss halt eine Sache (hier Gold) verkaufen, um es später (hoffentlich billiger) zurück zu kaufen. Der Begriff "leer" bedeutet hier also nicht, dass Sie kein reales Gold real verkauft haben. Er bedeutet nur, dass Sie den Barren zu diesem Zweck nur geliehen haben und ihn später wieder zurück geben müssen. Es müsste hier also eigentlich "Leihverkauf" heissen. 😉

Dieser Leerverkauf ist in jeder Hinsicht völlig seriös und unproblematisch, weil hier wird ja ein echter Goldbarren ganz real (beim Händler) verkauft. Und die negativen "Zockergedanken" die so etwas bei Joe Sixpack auslöst, sind in dem Fall völlig deplaziert und nur der puren Ahnungslosigkeit geschuldet.

Wer so sauber leer verkauft, kann an Menge nie mehr verkaufen, als real am Markt vorhanden ist. Das genau ist ein (gedeckter) Leerverkauf und von den Grundprinzipien her die Grundlage jedes sauberen Short-Geschäftes. Natürlich gibt es von dem Prinzip unzählige Abarten, die leicht anders funktionieren. Ich versuche hier aber keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern Ihnen ein Gefühl für das dahinter stehende Grundprinzip zu vermitteln und dafür genügt dieses eine Beispiel.

Nun sind wir ja aber im Jahr 2014 und uns bieten Banken diverse derivative Konstruktionen an - zum Beispiel einen CFD - um "Short" zu gehen, ohne dass wir uns als Anleger um Wertpapierleihen Gedanken machen müssen. Über diese realen Produkte werde ich in einem weiteren Beitrag der Reihe "Shorten" irgendwann in der Zukunft schreiben.

Hier und Heute ist aber wichtig für Sie zu verstehen, dass wenn Ihnen ein seriöser Broker zum Beispiel via CFD anbietet nun bei einer DAX Aktie Short zu gehen, der Broker sich sofort wenn Sie die Position eingegangen sind, im Hintergrund per echtem Leerverkauf - wie oben - refinanziert.

Das bedeutet also, in Wirklichkeit machen Sie auch einen echten Leerverkauf mit Wertpapierleihe, wie oben im Jahr 1850 beschrieben. Sie merken nur nichts davon, weil Ihr Broker diese Kompexität für Sie verbirgt und dafür eine Gebühr kassiert.

Ein seriöser Broker wird daher auch nie gegen Sie wetten, denn wenn er sich sofort am Markt refinanziert, ist ihm der Ausgang Ihrer kleinen Wette egal, er verdient an der Marge und fertig.

Ausserdem wird der seriöse Broker Ihnen nur dann eine Short Position via CFD auf eine Aktie anbieten, wenn er sich auch wirklich refinanzieren kann - sprich eine Aktie zum Verkauf am Markt leihen kann. Wenn keine leihfähigen Aktien am Markt mehr zu bekommen sind, weil zum Beispiel schon massive Short-Positionen existieren, wird der seriöse Broker Ihre CFD Short Positon ablehnen. Denn würde er sie annehmen, ohne sich zu refinanzieren, würde er ja gegen Sie wetten und abgesehen davon, de facto eine *ungedeckte* Short-Position (naked short selling) ermöglichen.

Bei meiner primären Handelsbank, die ich zu den seriösen Brokern zähle, habe ich schon mehrfach erlebt, wie Short CFDs auf Einzelaktien gesperrt waren und es waren (wie einmal bei Tesla) fast immer Aktien, die schon kräftig am Markt geshortet wurden - sprich zu leihende Aktien waren nicht mehr vorhanden. Dieses Verhalten ist das Verhalten eines seriösen Brokers, auch wenn man sich in dem Moment vielleicht ärgert, weil der Short auf Tesla nicht mehr geht.

Gerade bei kleineren CFD Anbietern dürfte es nach meiner Vermutung aber auch Fälle geben, die sich nicht refinanzieren und als Gegenpartei damit gegen Sie wetten. Dass diese Broker dann natürlich ein Interesse daran haben, Kurse mal schief zu stellen, Orders liegen zu lassen oder Stops abzufischen, dürfte klar sein. Ein Broker der gegen Sie wettet, ist kein Broker, sondern eher ein Buchmacher in einem Wettbüro. Und schlimmer noch, dieser Buchmacher stellt dann auch noch Ihre Kurse. Lassen Sie die Finger davon!

Sie sehen an der Darstellung auch den Unterschied zwischen einem seriösen Leerverkauf und einem fragwürdigen ungedeckten (nackten) Leerverkauf. Letztere sind in meinen Augen ein unnötiger Auswuchs eines wild gewordenen Finanzsystems und dienen letztlich nur der Grossfinanz.

Gerade bei Gold an der Comex kann man das wunderbar beobachten. Hier können ungedeckten Wetten eingegangen werden und damit können die "grossen Jungs" den Preis eigentlich beliebig hin und her schicken, mit dem physikalischen Angebot und Nachfrage hat das nicht notwendigerweise viel zu tun. Um ins Jahr 1850 zurück zu gehen, müsste der Goldhändler Ihnen also Geld für den zu verkaufenden Goldbarren geben, nur auf ihre Versicherung hin, dass Sie "irgendwo" tatsächlich einen Barren besitzen. Dass das der Manipulation Tür und Tor öffnet, dürfte offensichtlich sein.

Gedeckte Leerverkäufe sind also seriös und haben für einen Markt eine hohe (positive) Bedeutung, weil sie helfen den Markt gesund zu halten und Übertreibungen zu reduzieren. Die "Shorties" die gegen überzogene Kurse wetten, sind keine finsteren Gestalten, sondern eher wie eine Gesundheitspolizei, die keine übertriebenen Bewertungen zulässt. Und in dem die Politik Leerverkäufe generell verbietet (warum eigentlich?) macht man einen Markt nicht stabiler, sondern instabiler.

Ganz anders sind ungedeckte Leerverkäufe zu werten, in denen eine Partei "aus dem Nichts" beschliesst, nun mal Mengen eines Assets zu verkaufen, die die Partei gar nicht besitzt. Damit können Marktpreise tatsächlich manipuliert werden, weil am Ende mehr verkauft werden kann, als physikalisch überhaupt existiert und das reale Angebot und der reale Bedarf seinen Einfluss auf die Preisfindung verliert. Ungedeckte Leerverkäufe sehe ich sehr kritisch und bin sicher, dass der Markt ein Besserer wäre, wenn diese Auswüchse unterbunden würden.

So weit der erste Teil zum Thema Shorten und die Erklärung, "wat en Dampfmaschin" ist. Ich hoffe es hat geholfen die Begrifflichkeiten besser zu verstehen.

Ihr Hari

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Der gefährliche Ankereffekt bei der Geldanlage

Der folgende Artikel erschien am Freitag 10.10.14 09:15 in Hari Live

Ein Thema aus dem Bereich unseres "Affenhirns", das in der aktuellen Marktlage für uns ganz wichtig wird, ist der sogenannte
.

Ein Begriff aus der Psychologie der beschreibt, dass unsere Einschätzung ob am Markt etwas "billig" oder "teuer", "chancencreich" oder "gefährlich" sei, massiv mit dem "Anker" zu tun hat, also mit den Werten, an denen wir uns orientieren. Dummerweise liegen diese "Ankerwerte" immer in der nahen Vergangenheit und führen damit dazu, dass wir zu lange brauchen, um uns neuen Realitäten anzupassen.

Nehmen wir die Aktie von Leoni (540888) als reines Beispiel. Und Leoni ist nach wie vor fundamental eine "gute" Aktie, mit gutem Geschäftsmodell, fähigem Management und guten, langfristigen Wachstumsaussichten.

Nun schauen wir aber mal, ob Leoni nun billig oder teuer ist. Leoni notierte im Hoch am 04.07.14 bei 61,44€. Seit dem hat die Aktie, die aktuell bei 39,3€ notiert, ca. 35% des Wertes verloren. Bei einer fundamental "guten" Aktie, ist die dann doch billig und das eine Kaufgelegenheit. Oder?

Schauen wir nun aber mal anders auf die Aktie. Im Tief am 09.03.2009 notierte genau diese Leoni bei 6,07€. Und auf dem Höhepunkt der Eurokrise am 04.10.2011 bei 20,55€ !

Etwas vereinfacht gesagt, hatten wir also ein Hoch bei 60 und ein vergleichbares Tief 2011 bei 20. Und nun steht Leoni mittendrin bei 40.

Stellen Sie sich nun vor, es wäre Anfang 2012 und Sie hätten Leoni bei 20 gekauft und Leoni hätte sich auf 40 verdoppelt. Was würden Sie instinktiv denken?

Genau: verflixt, Leoni ist schon so weit gelaufen, ich muss nun mal Gewinne mitnehmen/sichern. Und heute denken Sie bei genau den gleichen 40, dass Leoni nun attraktiv bewertet ist.

Was ist der Unterschied? Der Anker ist ein anderer und der Ankereffekt verleitet uns immer dazu, bei Änderungen der Realität zu lange an der alten Realität festzuhalten!

Da ist es wieder, unser verfluchtes Affenhirn! Denken Sie dieser Tage an den Ankereffekt, wenn Sie versuchen Aktien einzuschätzen. Und ich mache damit keinerlei konkrete Aussage zu Leoni, vielleicht dreht die Aktie nun, vielleicht auch nicht. Der Punkt ist: 40 ist nur eine Zahl.

Und falls jemand denkt, dass eine Aktie nur deshalb billig sei, weil sie schon so weit gefallen sei, der irrt auf fatale Art und Weise!

Ich habe auch das Gegenbeispiel dafür. Nehmen wir Arch Coal (908011, ACI), ein in der Vergangenheit solider, stabiler und Cash-starker Kohleförderer. Und Kohle braucht man ja immer oder?

Nun schauen wir mal hier und fragen uns, wie viele Menschen unzählige Male bei diesem Chart gedacht haben, es könnte nun nur noch aufwärts gehen. Pustekuchen! Abwärts geht immer, solange der Kurs nicht bei Null ist. Das ist die einzige Regel, auf die wir uns da verlassen können:

ACI 10.10.14

Übrigens habe auch ich in 2011 und 2012 bei ACI mal eine Gegenbewegung gespielt. Ich bin dann aber auch immer wieder raus gegangen, wenn sich diese Bewegung nicht realisierte oder wieder in sich zusammen fiel. Wer da aber ungesichert dabei geblieben ist, weil er klüger als der Markt sein wollte und weil man "Kohle ja immer braucht", hat nun ein Desaster erlebt. Denn "Tiefer geht immer!"

Ich will Ihnen mit diesen eindrücklichen Zeilen keine Angst machen und nicht behaupten, dass der Markt nun eine Entwicklung wie ACI nehmen wird. Ich will aber etwas bewirken. Und das ist die Erkenntnis, dass wer in so Abwärtsbewegungen ungesichert! dabei bleibt, weil er auf die Wende hofft und "Hopium" atmet, wegen Dummheit geohrfeigt gehört!

Risikomanagement ist Pflicht!

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Die Legende von der “bösen” Spekulation – Reloaded

Es gibt Artikel, die sind zu wertvoll und in die hat man zu viel Energie hinein gesteckt, um sie so einfach schnell im Meer der Aktualitäten verschwinden zu lassen.

Zumal es gerade diese Artikel sind, die nicht mit reisserischen Titelzeilen und auch nicht mit Keyword-Spamming dienen können und damit auch nicht so leicht gefunden werden.

Und deshalb habe ich mir angewöhnt, bestimmte Grundsatzartikel im freien Bereich nach einem guten Jahr noch einmal einzustellen - in der Hoffnung, dass auch Leser diese wahrnehmen, die vor einem Jahr noch nicht dabei waren.

Mir ist bewusst, dass Google das im Sinne "Duplicate Content" nicht so gerne mag, aber darum schere ich mich nicht, da dieser Blog glücklicherweise nicht davon abhängig ist, in SEO Rankings oben zu stehen, nur um dann -> Advertorials und Schleichwerbung <- möglichst gut bezahlt unter das Volk zu bringen.

So ist heute mein Grundsatzartikel zur Spekulation an der Reihe, den ich vor einem guten Jahr im September 2013 erstmalig Online gestellt hatte.

Dieses grundsätzliche Thema passt doch auch gut als Kontrapunkt zum aktuellen, höchst spannenden Marktgeschehen, das wir in der Community intensiv besprechen. Gestern hatten wir einige der Reversals auf den Punkt auf dem Radar und es war sicher einer der spannendsten Börsentage des Jahres. Und heute morgen gibt es eine Menge zu besprechen, wie man den verschiedenen "Marktlagen" entnehmen kann.

Hier aber ist die Spekulation nun Thema, die nämlich volkswirtschaftlich extrem sinnvoll und wichtig ist und zu Unrecht von den wahren Totengräbern des Fortschritts verteufelt wird.

Viel Spass beim Lesen!

Ihr Hari

-------------

Es gibt Artikel, die will man schon immer schreiben. Und Reden, die man schon immer mal halten wollte. Weil Sie grundsätzlicher Natur sind. Und weil sie unbedingt mal gesagt werden müssen.

Nur tut man es nie, weil sie wie ein langer Roman viel Arbeit machen und man überhaupt erst einmal einen Faden finden muss. Und weil immer irgend etwas Aktuelles dazwischenkommt und der Artikel sich wieder in den Hintergrund schiebt.

Bei mir ist das beim Thema der vermeintlich "bösen, bösen" Spekulation der Fall. Es ist ja eine der Lebenslügen unserer Gesellschaft, dass Spekulation per se etwas Böses und Zerstörerisches sei. Und dass diese unbedingt eingegrenzt, reguliert und verhindert werden muss.

Gegen diesen Konsens etwas zu sagen oder zu schreiben, hat schon fast den Charakter einer Gotteslästerung. Man kommt sozusagen wie Galileo Galilei vor die gesellschaftliche Inquisition und muss öffentlich Abbitte leisten, wenn man sich nicht Beschimpfungen und Schlimmerem aussetzen will.

Leider kann ich nicht anders und muss um der Wahrheit willen einfach sagen: "Und die Spekulation ist doch wichtig !". Im Mittelalter war der Konsens auch mal, dass alte, weise Kräuterfrauen "Hexen" seien, die man verbrennen müsste. Der gesellschaftliche Konsens hat also nicht immer Recht. 😉

Von mit Testosteron geschwängerten "Masters of the Universe"

Erschwert wird eine sinnvolle Argumentation leider massiv durch das wahnwitzige Gebaren, das gelgehaarte Jünglinge mit zu viel Testosteron im Blut, in den Handelsräumen der Grossbanken dieser Welt an den Tag legen. Wer sich für die "Masters of the Universe" hält, weil er Kurse durch eigene Marktmacht manipulieren kann, gehört in psychologische Behandlung, aber nicht vor einen Trading-Desk, mit dem man Milliarden bewegen kann.

Das sind ohne Frage Exzesse, die keinen gesellschaftlichen Zweck haben. Und dass diese überhaupt möglich sind, müssen sich primär die Politiker vorwerfen lassen, die nun so lautstark über Spekulation per se schimpfen. Denn erst durch politische Entscheidungen - wie den "Glass Steagall Act" zu Zeiten Bill Clintons aufzuheben - wurde der Boden für diese Exzesse bereitet. Und auch heute könnte die Politik dem schnell ein Ende machen, wenn Sie endlich ein hartes Trennbankensystem wieder einführen würde. Ich habe das in Artikeln wie -> Bankenregulierung - ein Kasperletheater <- oder -> Deutsche Bank zerschlagt sie endlich ! <- mehrfach und überdeutlich thematisiert. Nur tut die Politik genau das nicht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Tatsache ist aber, dass die Spekulation per se eine der wichtigsten zivilisatorischen Errungenschaften ist, ohne die unsere moderne Gesellschaft nicht existieren könnte. Ich werde das im Folgenden ausführen. Und nur weil es Auswüchse und von Testosteron umnebelte Gehirne in solchen Handelsräumen gibt, ist nicht Spekulation per se schlecht. Es gibt im Fussball auch Randalierer, Krakeler, Neonazis und alles mögliche. Der Abschaum der Menschheit ist manchmal im Fussballstadion zu finden. Ist deshalb der Sport Fussball pauschal ein schlechter Sport, den man unterbinden muss ?

Zu Recht würde der gesellschaftliche Konsens jeden, der so ein Argument für den Fussball aufbaut, in die Schranken weisen. Warum ? Weil alle wirklich wissen, worüber sie reden und deshalb die Randalierer als Auswuchs eines ansonsten schönen und wichtigen Sportes einordnen können. Anders ist das bei der Spekulation. Die ist von Unwissen geprägt, wie das mittelalterliche Wissen um das, was die Kräuterfrauen gemacht haben. Und was man nicht versteht, verbrennt man halt gerne mal auf dem Scheiterhaufen und lässt sich von Demagogen leiten.

Ein Lichtstrahl in der Dunkelheit

Und während ich also dazu schon lange etwas schreiben wollte, kam ein Lichtstrahl in das Dunkel der Unwissenheit. Und zwar in Form eines unbedingt! lesenswerten Artikels des WiWo Redakteurs Dieter Schnaas. Dieser ist nun auch Online erschienen und kann hier

nachgelesen werden. Ich kann nur dringend dazu raten, das zu tun.

In dem Artikel sagt Schnaas viele Dinge, die ich auch schon immer sagen wollte und leitet den bedeutenden Wert her, den Spekulation für unsere zivilisatorische Entwicklung hat. Denn Spekulation ist weit mehr, als ein Trade vor einem Trading Desk. Es ist die Wette auf einen Gewinn in der Zukunft, die man mit Risiko in der Gegenwart eingeht. Auch Elon Musks Tesla oder SpaceX oder Solar City ist Spekulation pur und zwar im besten Sinne. Hohes Risiko, keinerlei Gewissheit über den Ausgang inklusive grosser Chance des Scheiterns. Und unermessliche Gewinne und eine Veränderung der Welt, wenn es gelingt. Auch das ist Spekulation. Und ohne den "Spekulanten" der auf Leute wie Elon Musk setzt und ihnen damit Kapital und Rückenwind verschafft, könnten diese nie erfolgreich sein. Und dafür braucht es zwingend einen Markt für Unternehmensbeteiligungen, auch "Börse" genannt. 😉

Es sind die Kräfte der im Schumpeterschen Sinne, die den Fortschritt bringen. Erst durch die Kraft der Zerstörung kommt oft der Wandel, auf dem Besseres gedeihen kann. Ohne die Zerstörung, beginnt die Welt langsam wie in Bernstein zu erstarren.

Was konservativ mit konservieren zu tun hat

Und da sind wir auch bei dem Punkt, in dem ich die Gedanken von Dieter Schnaas weiter führen will. Denn hinter der Ablehnung der Spekulation steht oft eine weit tiefer gehenden Denkstruktur bei den Menschen. Es ist kein Zufall, dass sich Menschen, die die Welt und Natur fast ausschliesslich im Sinne des Wortes "bewahren" betrachten, besonders oft kritisch zur Spekulation äussern und diese vehement ablehnen. Und zwar der Kirchenmann auf der Kanzel ebenso, wie der Öko-Aktivist mit dem Megaphon in der Hand, obwohl die beiden sonst in der Regel nicht viel gemein haben.

Der Begriff des konservativen Denkens ist dafür genau zutreffend. Wer primär bewahren will und erhalten und Veränderung vermeidet, denkt konservativ - ist es nicht notwendigerweise im politischen, verdreht gebrauchten Sinne, aber denkt so im eigentlichen Sinn des Wortes. Er/Sie "konserviert". Um das vom politischen Begriff "konservativ" abzugrenzen, nennt man diese Denkstrukturen auch "strukturkonservativ" oder "wertkonservativ" und die finden sich unter allen politischen Flaggen.

Dahinter steht eine Lebensphilosophie, die die Welt eher statisch bewahren will und den Wandel eher als Bedrohung empfindet. Das ist auch verständlich und will ich gar nicht kritisieren, wir Menschen sind ja auch wie Nussschalen auf dem grossen welligen Ozean des Lebens und unser Leben in weiten Teilen davon geprägt, diese Unsicherheiten irgendwie beherrschbar zu machen. Es ist unser Überlebenswille, der uns von einer Welt wie einem Schrebergarten träumen lässt, in der alles seinen Platz hat, schön anzuschauen ist und keine Überraschungen drohen. Genau das ist "strukturkonservativ" und menschlich sehr verständlich. Und es ist ja auch vieles "bewahrenswert" und ich bin der Letzte, der das nicht so sieht. Nur vergisst eine zu einseitige Sicht darauf, dass die Welt auch den Wandel braucht, um voran zu schreiten.

Dummerweise ist es genau dieser gefürchtete Wandel und die permanente, damit einher gehende Zerstörung, die wesentlich daran mitwirkt, dass diese herrliche und bewundernswerte Natur um uns herum überhaupt erst hervor gebracht wurde ! Und ohne die Schumpetersche Zerstörung wäre die Menschheit auch nicht existent und die Welt noch von Dinosauriern bevölkert. Nur gut, dass damals niemand da war, der die Dinosaurier vor dem Aussterben geschützt hat, ich würde heute hier wohl nicht schreiben. 😉 Nein genau genommen, wäre das Leben noch nicht einmal aus dem Urmeer gekrochen. Wozu denn auch, ist doch unter Wasser auch schön ? 😉

Schumpeters schöpferische Zerstörung am Werk

Ich hatte in diesem Zusammenhang ein eindrückliches Erlebnis vor ziemlich genau 30 Jahren. Ich war im Raum Tübingen vor dem Albtrauf und in der Nähe im Raum Mössingen kam auf einer Breite von ca. einem Kilometer der Albtrauf in Form eines Bergrutsches herunter. Alle Bäume vernichtet und alles nur Staub und Dreck und Steine. Lesen Sie von einem aktuellen kleinen Rutsch rund um den alten Bergrutsch:

Es war damals die Zeit der Panik vor dem "Sauren Regen" und dem "Waldsterben" und entsprechend waren die Reaktionen. Untergangsszenarien wurden alarmistisch gemalt, nach denen bald die ganze Schwäbische Alb so aussehen würde, wenn wir jetzt nicht dringend "einhalten würden" usw. usw.

Die Jahre vergingen und die Natur ergriff wieder Besitz von der Brachfläche. Und bald danach kam ein Naturfreund dort vorbei und stellte das einzige ausseralpine Vorkommen von dieser Pflanze und jenem Insekt dort fest. Und der Bergrutsch wurde 1988 Naturschutzgebiet. Und ist ein Kleinod der Natur geworden, über den ich mich freue, da ich diese Monokultur-Wälder der industriellen Waldbewirtschaftung sowieso nicht leiden kann und Natur für mich etwas wildes, bewegtes und lebendes ist und eben kein gepflegter Garten, der immerdar gleich bleibt.

Was hatte der Bergsturz also bewirkt ? Er hat eine künstliche Monokultur hinweg gefegt und damit erst den Boden für all die seltenen Arten geschaffen, die dort nun siedeln. Die Vernichtung hat also erst den Fortschritt bewirkt. Schöpferische Zerstörung im besten Schumpeterschen Sinne.

Ich könnte endlos solche Beispiele bringen und am Ende ist es wie ich oben sagte: die Natur ist kein Schrebergarten im Bernsteinglas, in dem alles seinen festen Platz hat und auf keinen Fall verändert werden darf. Das sind schwärmerisch romantische Vorstellungen die einige haben, in so einer statischen Welt zu leben, wäre aber wohl eher ein Albtraum.

Die Natur und die Welt ist gewaltig, brutal, immer im Wandel und voller Überraschungen und Wunder. Sie kann die ganze Menschheit in genau 5 Minuten von jetzt vernichten, weil genau dann uns ein Gammablitz von einer Supernova in unserer näheren Sternumgebung erreicht, der derzeit schon unwiederruflich unterwegs ist. Sie kann aus der Antarktis einen Tropenwald machen und in Italien eine Eiswüste erzeugen, weil sie beliebt am morgigen Sonntag den 15.09. die Erdachse zu kippen, wie sie es schon oft so gerne gemacht hat.

Und am Ende schafft die Natur so den Raum, auf dem sich Neues entwickeln kann. Ohne diese Mechanismen wäre die Menschheit nicht existent und das Leben wäre nicht einmal aus den Ozeanen gekrochen. Und es gäbe für "Baumwächter" nichts zu bewachen. Das ist die Natur. Ihre Vielfalt und grandiose Schönheit entsteht aus dem Wandel und der schöpferischen Zerstörung. Stillstand ist dagegen völlig "unnatürlich".

Ohne Markt keine Arbeitsteilung und ohne Arbeitsteilung keine Zivilisation

Und was hat das mit der Spekulation zu tun ? Ganz viel. Denn die Spekulation ist nichts weiter als die zivilisatorische Triebfeder dieses wichtigen Prinzips der schöpferischen Zerstörung, mit dem sich der Fortschritt Bahn bricht. Denn nach der natürlichen Evolution hat mit dem Auftreten des Menschen auch eine gesellschaftliche und wissenschaftliche Evolution begonnen, die letztlich zu unserer mehr oder weniger "modernen" Zivilisation geführt hat. Und die Triebfeder dieser zivilisatorischen Entwicklung waren unter anderem entscheidende Erfindungen wie das Geld, der Markt und das alles angetrieben von der schöpferischen Kraft dessen, was man "Spekulation" nennt. Dem gestalterischen Versuch nämlich, sich in der Zukunft einen Vorteil zu verschaffen, in dem man in der Gegenwart Risiken eingeht.

Denn bitte bedenken Sie. Eine der wichtigsten Grundlagen unserer zivilisatorischen Entwicklung und der Entstehung von Musik, Theater, Wissenschaft usw. usw. ist die Arbeitsteilung. Erst die Arbeitsteilung hat ermöglicht, dass die Menschen über den täglichen Lebenskampf um Nahrung und Wasser hinaus schauen konnten und Zeit und Musse für Kultur und Wissenschaft und später Sport fanden. Denn erst die Arbeitsteilung ermöglicht uns, uns so zu spezialisieren, dass wir in dem was wir tun, immer besser werden und die Erfindung der Schrift hat dann ermöglicht, das weiterzugeben.

Wie kann aber die Arbeitsteilung gelingen, wenn der spezialisierte Bauer der nun dummerweise seine Ernte wegen der Jahreszeiten im Herbst einfahren muss, seine Kartoffeln nicht gegen eine Wertaufbewahrung eintauschen kann, so dass er damit erst im Frühjahr zum Schneider gehen und sich eine neue Jacke kaufen kann ? Diese Wertaufbewahrung ist das Geld. Eine der wichtigsten zivilisatorischen Erfindungen überhaupt.

Aber das Geld alleine reicht nicht. Denn um Geld zu bekommen, muss der Bauer einen Käufer finden und es reicht einfach nicht, immer nur die 2 oder 3 Nachbarn in der Umgebung abzuklappern, die haben vielleicht schon selber Kartoffeln. Also braucht es den Markt, eine weitere entscheidenen zivilisatorische Errungenschaft. Denn am Markt werden Käufer und Verkäufer zusammen geführt und so entsteht im freien Spiel von Angebot und Nachfrage ein Preis. Genau der Preis der Kartoffeln im Verhältnis zur Jacke des Schneiders. Und genau deshalb war der Marktplatz der Mittelpunkt der mittelalterlichen Stadt ! Das Mittelalter hat den Sinn und die Bedeutung des Marktes besser verstanden, als einige Vertreter der Gegenwart !

Ohne den Markt also keine funktionierende Arbeitsteilung. Und ohne Arbeitsteilung keine Zivilisation. Der Markt ist zwingend notwendig. Man kann versuchen diesen Mechanismus durch zentral festgelegte Preise zu ersetzen: das hatten wir schon und nannte man dann Kommunismus bzw Sozialismus. Der Versuch musste zwangsläufig scheitern, denn Kartoffeln sind in einem schlechten Jahr halt mehr wert als bei guter Ernte. Und wenn man diese Anpassung nicht zulässt, funktioniert die Arbeitsteilung am Ende nicht mehr, weil die Anreize fehlen.

Spekulation als zivilisatorische Triebfeder des Fortschritts

Und hier kommt auch die Spekulation als Triebfeder ins Spiel. Denn der Bauer der die Marktpreise für Kartoffeln kennt, sinnt nach Möglichkeiten, mehr Geld dafür zu erzielen. Damit er nicht nur sich, sondern auch allen Kindern diese tolle Jacke vom Schneider kaufen kann. Da er den Marktpreis für Kartoffeln nicht steigern kann, muss er sich also um mehr Ernte - um mehr Umsatz - kümmern. Und hat da so eine Idee, von einem "Eisendings", das man von seinem Esel ziehen lässt, um damit schneller den Acker umzupflügen.

Nun investiert der Bauer also. Er geht ins Risiko. Er gibt Geld aus und investiert Zeit, die er eigentlich nicht hat und die ihm bei der Ernte fehlt. Er riskiert für diese Idee sogar, dass seine Familie im Winter nicht genug zu Essen hat, weil er die Ackerarbeit vernachlässigt. Er schert also sozusagen aus dem Gleichmass der Masse aus. Er geht ins Risiko und "spekuliert". Und er hat Erfolg. Und erfindet den "Pflug". Und macht in Folge die höchsten Kartoffelumsätze des Marktes.

Und andere machen es ihm nach. Und so entsteht ein Überangebot an Kartoffeln, das die Preise fallen lässt und allen Bürgern im Ort mehr Geld für andere Dinge lässt. Und den Hunger im Nachbarort verringert, wo der Boden nicht so für Kartoffeln geeignet ist. Die Spekulation des Bauers hat die Welt verändert. Getrieben war sie vom simplen Wunsch "mehr Geld" zu haben. Und möglich war dieses Streben nur, weil da ein Markt war, der den höheren Output an Kartoffeln dann auch aufnehmen konnte.

Das ist der Sinn der Spekulation und dieses Streben nach "mehr", diese Wette auf eine Zukunft, führt am Ende zum Fortschritt, auch wenn es ebenso gerne mal in Sackgassen führt. In diesem Sinne hat Gordon Gekko Recht: "Greed is good" - Gier ist gut. Die Gier des Bauern auf mehr Gewinn und mehr Umsatz auf jeden Fall.

Der Unterschied zwischen wichtiger Spekulation und Exzessen

Am Beispiel des Bauern kann man auch wunderschön klar machen, wie verzerrt unsere gesellschaftliche Diskussion zum Thema schon geworden ist. Nehmen wir das leidige Thema der "Spekulation" mit Agrarerzeugnissen. Machen Sie mal eine Umfrage auf der Strasse und sie bekommen eine 99,999% Mehrheit für die Aussage: "das tut man nicht !"

Und nun vergleichen Sie diese instinktive Reaktion mal mit der obigen Geschichte des Bauers, der ohne diese Spekulation nie den Pflug erfunden hätte. Und es passiert schon seit Tausenden von Jahren, das Reis und Getreide und Mais auf Märkten gehandelt werden und so der Preis entsteht. Und damit spekuliert wird. Es war nie ein Problem, im Gegenteil, es ist volkswirtschaftlich absolut unverzichtbar, das die Preise in Jahren schlechter Ernten höher sind als in guten Jahren ! Und auf dem besagten Markt des Mittelalters im Mittelpunkt der Ansiedlung, war der Handel mit Agrargütern die Hauptbeschäftigung.

Das Problem ist ein ganz anderes. Wir haben zugelassen, dass man Getreide handeln kann, ohne es physisch hinterlegt zu haben ! Das ist das gleiche Problem wie das, was wir derzeit am Goldmarkt erleben, wo Grossbanken die hundertfache Menge des realen physischen Gold an der Comex handeln, ohne das die gehandelten Mengen eine physische Entsprechung haben ! Es ist das gleiche Problem wie ein ungedeckter Leerverkauf (nicht ein Leerverkauf per se) wo Aktien verkauft werden, auf die die Verkäufer gar keinen Zugriff haben !

Das alles sind kranke Auswüchse, die schon lange zu unterbinden wären. Auswüchse die nur der Grossfinanz helfen und keinen volkswirtschaftlichen Sinn haben. Und das hat auch alles gar nichts mit einem freien Markt zu tun, im Gegenteil - die Einflüsse dieser gigantischen Geldströme machen den Markt unfrei und lassen ihn zum Spielball weniger Grossbanken werden. Statt das zu differenzieren und den Kern des Übels zu erkennen, wird das aber alles mit der gesellschaftlich wichtigen Spekulation pauschal in einen Topf geworfen und so das Kind gleich mit dem Bade ausgeschüttet.

Die Spekulation auf steigende oder fallende Preise ist gesellschaftlich extrem wichtig, sie ist die Triebfeder des Fortschritts. Auch bei Nahrungsmitteln. Wer aber Spekulation ohne reale Hinterlegung zulässt, muss sich nicht wundern, wenn das System aus dem Ruder läuft. Da liegt das Problem !

Lassen Sie es mich etwas plakativ formulieren: Spekulation ist gut ! Spekulation mit heisser Luft gehört aber unterbunden !

Warum fällt es unserer Gesellschaft, unserer Politik und unseren Regulatoren eigentlich so schwer, diesen Unterschied zu begreifen ?

Spekulation und Innovation - zwei Seiten der selben Medaille

Ich hoffe, ich habe mit dem Beispiel des Bauern klar gemacht, dass Spekulation und Innovation nur zwei Seiten der selben Medaille sind. Im aktuellen gesellschaftlichen Glaubensbekenntnis ist aber Innovation gut und Spekulation schlecht. Mit Verlaub, das ist kompletter Unfug, das eine geht gar nicht ohne das andere !

Das Problem ist hier, dass man am Begriff Spekulation oder "Spekulant" nur die negativen Auswüchse festmacht. Also den "Master of the Universe" bei Goldman Sachs und nicht den Investor Elon Musk, der ebenso sein Geld über die Börse in Bewegung setzt. Aber beides sind nur unterschiedliche Ausprägungen derselben Sache. Es ist der Versuch, sich in der Zukunft im Wertaufbewahrungsmittel "Geld" einen Vorteil zu verschaffen, in dem man in der Gegenwart Risiken eingeht.

Und niemand weiss bei einer Innovation vorher, ob sie die Welt positiv verändert oder sinnlos ist. Ebenso wenig lässt sich das für die Spekulation sagen. Wenn man die Spekulation nicht mehr zulässt, verhindert man auch all die positiven Veränderungen, die sie bewirkt. Eine Welt ohne Spekulation ist eine ohne Innovation, eine Welt in Bernstein.

Ich will darin nicht leben. Es wäre die Hölle. Lassen Sie uns also nicht die Spekulation wie die "Hexen" des Mittelalters verteufeln. Lassen Sie uns statt dessen deren offensichtliche Exzesse begrenzen und ansonsten die Spekulation ihre Arbeit machen. Damit die Mittel und Energien der Welt auf Fortschritt und Innovation gerichtet werden. Und sich so am Ende "das Bessere" durchsetzt. Was immer das ist. Wie in der Natur. Auch die Säugetiere haben sich mal gegen die Dinosaurier durchgesetzt.

Lassen wir uns also von der Zukunft überraschen, statt sie zu fürchten !

Ihr Hari

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Gentherapie: Von Bluebird Bio und Juno Therapeutics zu Cellectis

Ein Beitrag unseres regelmässigen -> Kolumnisten <- "Toni", der im "BioTonicum" das Geschehen in der Biotech-Branche begleitet.

Vor wenigen Tagen erschien im Fachjournal Nature Biotechnology ein Artikel zur Preisgestaltung der Gentherapie (The special case of gene therapy pricing, Nature Biotechnology, 2014; 32 (9): 874)

Die Autoren schlagen hier ein alternatives Modell zur Bezahlung gentherapeutischer Behandlungen vor. Da diese sehr teuren Therapien in der Regel nur einmalig ausgeführt werden müssen, sieht ihr Modell eine Art jährliche Ratenzahlung vor, deren Höhe vom Erfolg der Therapie abhängig sein soll. Diese Modell soll den pharmazeutischen Firmen finanzielle Mittel für ihre aufwendige Forschung sichern und gleichzeitig die Kassen des Gesundheitssystems schonen.

Nun ist es allerdings gar nicht meine Absicht, dieses oder ähnliche Modelle zu diskutieren. Vielmehr nehme ich den Artikel zum Anlaß, über den Stand der Gentherapie zu schreiben.

Ist die Gentherapie schon soweit fortgeschritten, dass diese Fragen jetzt in den Vordergrund rücken? Um ein besseres Verständnis für die Entwicklungen in der Gentherapie zu bekommen, will ich heute versuchen, einige Aspekte zu beleuchten.

Was versteht man unter Gentherapie

Wenn auch die molekularbiologischen und medizinischen Zusammenhänge alles andere als trivial sind, so kann man es etwas trocken so formulieren:

Eine medizinische Maßnahme, bei der ein mutiertes Gen, dessen Defekt ursächlich für die betreffende Erkrankung ist, durch das „gesunde“ Gen ersetzt wird. Dabei muss das Gen (bzw die DNA) in die Zellkerne (Nukleus) der Organe oder des Gewebes hineingeschleust werden, in denen es dann als korrekte Vorlage für die Proteinsynthese dient (DNA--> messengerRNA--> Protein). Außerdem soll die DNA stabil in die chromosomale DNA integriert werden. Das neue Gen sollte aber nicht an Stellen im Genom integriert werden, an denen es möglicherweise mehr Schaden als Nutzen anrichtet; nämlich dann, wenn durch sein Einfügen in den DNA-Strang die ursprüngliche Sequenz zerstört bzw. unterbrochen wird (Insertionsmutagenese). Außerdem müssen auch die genetischen Elemente, die für die Regulation des Gens sorgen, vorhanden sein und hoffentlich funktionieren.

Etwas zur Geschichte

Erkrankungen, deren genetische Ursachen schon seit Jahrzehnten bekannt und die mittels konventioneller Medikamentation nicht zu heilen sind, sind z.B. die Mukoviszidose (zystische Fibrose) oder bestimmte Formen der Bluterkrankheit (Hämophilie).

Die Idee, Krankheiten durch den Austausch oder das Einbringen eines Gens zu heilen ist im Grunde so alt wie die Entdeckung der Nukleinsäuren als Träger unserer Erbinformation. Oswald T. Avery postulierte das 1944 aufgrund seiner bahnbrechenden Arbeiten.

Konkreter wurden diese Ideen aber erst in den 1970er Jahren als die Molekularbiologie schon weit fortgeschritten war. Der genetische Code wurde bereits durch Severo Ochoa entziffert und Jaques Monod präsentierte- ebenfalls ein Geniestreich- das Operon-Modell zur Genregulierung. 1972 wurde erstmals fremde DNA in Bakterien (E.Coli) exprimiert.

Mit der Kettenabruchsequenzierung durch Frederick Sanger und Walter Gilbert Mitte der 70er nahm die Molekularbiologie dann aber richtig Fahrt auf.

Trotz all dieser unglaublichen Fortschritte galt die Gentherapie noch als unreife Idee, zu deren Verwirklichung wesentliche Punkte an Grundlagenwissen fehlten.

In den frühen 70er Jahren wurden erste Versuche mit Zellkulturen oder in Tiermodellen erforscht und in den 80er Jahren fügte man rekombinante DNA, also DNA die mittels der molekularbiologischen Techniken erzeugt wird, in Viren ein, um sie mit deren Hilfe in die Körperzellen einzuschleusen. Dabei wurden körpereigene Zellen des Patienten entnommen, die dann ex vivo mit der DNA bzw. dem viralen Vehikel behandelt wurden bevor sie wieder transplantiert wurden. Später wurde dann versucht, die DNA mit verbesserten Vektoren bzw. Vehikeln direkt in den Körper des Patienten zu transportieren (in vivo).

1990 wurde die weltweit erste Gentherapie in den USA durchgeführt:

Bei der Patientin handelte es sich um ein 4 jähriges Mädchen, das an dem schweren kombinierten Immundefekt () litt. Bei dieser sehr seltenen Krankheit bildet das Knochenmark keine funktionstüchtigen B- und T-Zellen. Einzige Therapiemöglichkeit bis dahin war die nicht ungefährliche und komplikationsreiche Stammzelltransplantion des Knochenmarks. Der Erfolg dieser Maßnahmen hing daher auch von der Existenz eines geeigneten Spenders ab.

Dieser Therapie, die wegen der kurzen Lebensdauer der genetisch veränderten Leukozyten mehrmals im Jahr wiederholt werden musste, ging ein dreijähriges Genehmigungsverfahren voraus. Im Laufe der nächsten Jahre wurden mehrere Patienten mit ähnlichen Krankheiten auch in Europa behandelt. Obwohl die Therapie erfolgreich ansprach, erkrankten aber einige Patienten nach Jahren an Leukämie. Es wird angenommen, dass dies durch die oben erwähnte Insertionsmutagenese verursacht wird.

1999; Der Rückschlag:

Der damals 18 jährige Jesse Gelsinger, der an der Ornithin-Transcarbamylase-Defizienz litt, überlebte die Therapie aufgrund einer Überreaktion seines Immunsystems auf die Adenoviren, die als Genvektor dienten, nicht.

Im Gegensatz zur konventionellen Therapie , bei der ein Medikament abgesetzt werden kann, sobald sich Unheil ankündigt, ist dies bei der Gentherapie nicht möglich. Ist ein Gen erst einmal im Genom integriert, so gibt es kein zurück mehr.

Für die Gentherapie versprach das nichts Gutes; die FDA stoppte klinische Studien, auch um die ethischen und medizinisch-biotechnologischen Fragen neu zu überdenken. Versuche, die Gentherapie zu kommerzialisieren gerieten in weite Ferne und den wenigen Biotechfirmen, die hierauf spezialisiert waren, drohte ein abruptes Ende.

Zu den wissenschaftlichen Rückschlägen gesellte sich auch die Ablehnung dieser Technik in der Bevölkerung; sei es nun aus ethischen oder religiösen Gründen oder aber aus der Angst vor einer Medizin, deren Risiken überhaupt noch nicht abzuschätzen sind.

Dazu kam noch, dass die Vorstellung über das, was Gentherapie bedeutet, doch sehr vage war (ist).

Natürlich wird heute auch in den Medien vermehrt über die Möglichkeiten der Gentherapie berichtet. Gerade dann, wenn es darum geht, in naher Zukunft Menschen mit Mukoviszidose zu heilen und nicht nur die Symptome zu bekämpfen. Aber häufig verbindet man mit Gentherapie reproduktives Klonen oder Wissenschafltler der Embryonalstammzellforschung, die es mit der eigenen Reproduktion (ihrer Daten) nicht so genau nehmen.

Die Forschung zur Gentherapie führte in den letzten Jahren dennoch zu einem enormen Erkenntnisgewinn. „Versuche“ an seltenen genetischen Erkrankungen offenbarten dabei erstaunliche Erfolge. Dabei steht die Entwicklung sicherer und effizienterer Vektoren, die das Gen zielsicher an den Ort des Geschehens bringen sollen, im Vordergrund.

Biotechs und Pharmaindustrie:

Trotz der , mit denen die Gentherapie immer noch zu kämpfen hat, wächst die Zahl der Biotechfirmen und Startups, die sich darauf spezialisiert haben, diese Technik zu kommerzialisieren. Fast alle Pharmaunternehmen betreiben dazu Forschungen oder kooperieren mit Biotechs.

2012 ließ die EMA (European Medicines Agency) unter sehr strengen Auflagen und zeitlicher Begrenzung das erste gentherapeutische "Medikament" zu (zumindest in der westlichen Welt):

Glybera; entwickelt von der niederländischen Firma UniQure (NASDAQ: QURE) zur Behandlung der sehr seltenen Lipoprotein Lipase Defizienz. Die Therapie erscheint dabei fast simpel aber mit 1,6 Millionen Euro auch nicht gerade billig:

Mehrere intramuskuläre Injektionen eines Adeno-assoziierten viralen (AAV) Vektors, der das korrekte Gen für die benötigte Lipase in sich trägt. Um die nicht ungefährliche Immunantwort auf virale Proteine zu unterdrücken, werden die Patienten allerdings mit Immunsuppresiva behandelt. Ein stationäre Behandlung, bei der Gewebe oder Zellentnahme oder aber eine Chemotherapie angewendet wird, ist nich nötig; lediglich die Unterweisung des Arztes ist nötig. So einfach ist es leider nicht bei allen Gentherapien.

 

Bluebird Bio

Dieses Jahr (2014) wurde erstmals ein Patient mit ß-Thalassämie durch das von BlueBird Bio entwickelte gentherapeutische Verfahren erfolgreich behandelt.

Bei dieser Krankheit, genauer bei der schwerwiegensten Form- der Thalassämia major, führen Mutationen im ß-Globin-Gen zu einem nicht voll funktionstüchtigen Hämoglobin und damit zur Bildung defekter roter Blutkörperchen. Bislang bestand die kurative Therapie in der Transplantation hämatopoietischer Stammzellen eines geeigneten, meist verwandten Spenders. Zuvor müssen alle Zellen des Knochenmarks durch Chemotherapie und Bestrahlung zerstört werden. Ein Video dazu findet man auf Bluebirds Website.

2012 wurde Bluebird Bio von FierceBiotech zu den 15 zukunftträchtigsten Biotechs gewählt. “The Fierce 15 celebrates the spirit of being ‘fierce’ – championing innovation and creativity, even in the face of intense competition.”

Bluebirds Börsengang im letzten Jahr brachte dem Unternehmen 116 Millionen Dollar ein. Eine Summe die wohl die Bedeutung, die Investoren der Gentherapie zumessen, unterstreicht. Bluebirds Programme beschränken sich dabei nicht nur auf die Thalassämien.

Hier einmal der aktuelle Chart (Mitte Juni: Bericht über die offenbar erfolgreiche Therapie)

BLUE 2chart.ashx

Bluebird, aber natürlich auch ander Wissenschaftler aus Forschung und Industrie versuchen, die Technik des gezielten Gentransfers weiterzuentwickeln. Ideal wäre es ja, wenn man nur den defekten DNA-Bereich gegen die korrigierte DNA-Sequenz (bei einer Punktmutation nur eine Base) austauschen könnte. Damit bliebe das Gen in seiner ursprünglichen chromosomalen Umgebung erhalten. Insertionsmutationen sollten so ausgeschlossen sein und auch die Regulation des Gens sollt genauso funktionieren wie im gesunden Menschen.

Die molekularbiologischen Methoden, Gene wie mit dem Skalpell punktgenau zu modifizieren oder gezielt an einen Ort zu übertragen („Gen Editing“) haben in den letzten Jahren unglaubliche Fortschritte erzielt. Über die Entdeckung des CRISPR-Systems habe ich hier im Forum schon berichtet.

Es ist natürlich nicht verwunderlich, dass Gentechnikfirmen ein vitales Interesse am Erwerb entsprechender Lizenzen zum Genediting erhalten. Bluebird Bio übernahm dieses Jahr die Firma “Precision Genome Engineering” um deren Homing Endonukleasen zu nutzen.

 

Gentherapie in der Krebstherapie?

Die hier erwähnten Behandlungen monogener Erkrankungen (Krankheiten, die nur auf den Defekt eines Gens zurückzuführen sind) gelten als Paradebeispiel für die Gentherapie im Sinne einer Heilung durch genetische Korrektur. Es scheint, als sei diese Form der Therapie längst aus den Kinderschuhen heraus gewachsen.

Schaut man sich die Pipelines von Firmen wie Bluebird, Kite Pharma, Cellectis oder Juno Therapeutics an, so wird man dort auch Programme zur Behandlung verschiedener Krebserkrankungen finden. Der gentherapeutische Ansatz bei Erkrankungen, die von mehreren Genen verursacht werden, ist hier allerdings ein anderer.

Dies führt uns zu einem der interessantesten Ansätze im Grenzbereich Gentherapie: der adoptiven T-Zelltherapie mittels der CART-Technologie.

Das Prinzip ist, Lymphozyten eines an Krebs Erkrankten zu isolieren und nach entsprechender Aktivierung wieder in den Körper zurückzugeben sehr alt.

Schon 1891 wurde eine Methode der Aktivierung von Lymphozyten in Tumoren angewandt. Trotz einiger aufsehenerregender Berichte blieben reproduzierbare und wissenschaftlich fundierte Erfolge aber aus.

Zu den neueren Erfolgen eines adoptiven T-Zell-Transfers zählen u.a. die Behandlung von Hodgkins Lymphomen (Lymphogranulomatose) durch Epstein-Barr-Virus Infektionen, die sehr häufig nach Stammzelltransplantationen auftreten. Leider funktioniert dieser Ansatz aber nur wenn bestimmte Ausgangsbedingungen vorhanden sind. Das ist nicht immer Fall.

Verschiedene Programme konzentrieren sich darauf, diese körpereigenen Lymphozyten, die sich im Tumorgewebe befinden (Tumor infiltrating Lymphocytes, TIL), außerhalb des Körpers mit Methoden zu aktivieren, die wir neuen Erkenntnissen über Immunregulation und Tumorevasion verdanken.

 

Mit der von Carl June (Juno Therapeutics) entwickelten CART-Technologie werden nun diese körpereigenen (autologen) T-Zellen des Erkrankten genetisch verändert, um sie angriffslustiger zu machen. CART steht für „Chimeric Antigen Receptor T-Cell".

Im Prinzip handelt es sich hierbei um einen artifiziellen T-Zell-Rezeptor, der genetisch so verändert wird, dass er bestimmte Antigene, die auf den Tumorzellen des Patienten exprimiert werden, besser erkennt. Außerdem besitzt dieser Rezeptor eine zusätzliche Domäne, die der Stimulation der T-Zelle dient. Diese ist Voraussetzung für eine effiziente zytotoxische Antwort.

Die CART-Therapie gilt neben den uns schon bekannten Immuncheckpoint Antikörper-Therapien (), zu der wir ja schon hier bei sumerdigital einige Firmen kennengelernt haben, als eines der vielversprechendsten und heißesten Unterfangen im Bereich der Onokologie.

Sicherlich ein Begriff, der etwas überstrapaziert wird, aber die bisherigen Studien zu Leukämieerkrankungen mögen dieses Attribut rechtfertigen.

Der „Markt“ um die CART- Technologie ist ziemlich unübersichtlich, nicht zuletzt weil die Forschungen aus der Zusammenarbeit verschiedener akademischer, nationaler und privater Institute (Fred Hutchinson Cancer Research Center, Memorial Sloan Kettering, National Cancer Institute etc) hervorgingen und weil man sich auf unterschiedliche CART-Varianten und Technologien konzentriert .

Allein in den letzten 2 Jahren haben "CART-Firmen" zwei- bis dreistellige Millionen Beträge über IPOs oder privat aufnehmen können:

Kite Pharma (IPO 2014, $115M) aus Santa Monica benutzt CARTs lizensiert vom National Cancer Institut.

Juno Therapeutics, der Vorreiter hat schon in weniger als einem Jahr 300 Millionen US-Dollar eintreiben können. Novartis unternimmt zusammen mit Forschern der Universität von Pennsylvania (UPenn) und Juno Therapeutics alle Anstrengungen, die CART-Technologie für die akute lymphoblastischen Leukämie zur „Marktreife“ zu bringen. (Mittlerweile scheinen sich Junos und Novartis Wege aber in einigen Bereichen zu trennen, da die Firmen angeblich mit unterschiedlichen CARTs aufgrund von Patentstreitigkeiten arbeiten wollen.)

Auch im CART-Geschäft ist nun der Gentechnik-Experte Bluebird Bio in Zusammenarbeit mit Celgene .

Pfizer versucht offensichtlich einmal mehr seine schwache Position im Onkologiemarkt aufzupeppen. Der Riese ist bereit, der französischen Firma Cellectis 185 Millionen Dollar an Meilensteinzahlungen für jedes erfolgreiches CART-Projekt zu überweisen (es sind immerhin 15).

Cellectis dürfte den Kontrahenten vom wissenschaftlichen know-how zwar weit hinterherhinken; dafür fahren sie aber eine andere, möglicherweise viel attraktivere Strategie:

Cellectis modifiziert nicht in mühseliger Weise die T-Zellen des Patienten, sondern sucht in Spendern nach geeigneteren Lymphozyten, die schon diverse "Krebsantigen" erkennen. Auf diese Art entwickeln sie eine Kollektion verschiedener CARTs, die dann Patienten sofort zur Verfügung ständen.

Dass die im Juni vorgestellten Daten überaus positiv bewertet werden, kann man schön am Kursverlauf der Cellectis-Aktie bewundern.

ALCLS 23.09.14

Fazit

Bei allem Enthusiasmus darf man nicht vergessen, dass sich die Gentherapie noch in einem frühen Stadium befindet.

Vergleichen wir das mit dem langen Weg der monoklonalen Antikörper von ihrer Herstellung durch Köhler und Milstein 1975 bis zu ihrem heutigen Durchbruch in der Medizin, so darf man aber erstaunt sein, wie weit die therapeutischen Ansätze schon gediehen sind.

Wann die Türen zu einer routinemäßigen Klinik geöffnet werden, ist schwer zu beantworten. Genauso offen bleibt die Frage, ob diese meist individuellen ("personalisierten") kurativen Therapien in der Zukunft überhaupt wie konventionelle Medizin vermarktet werden können.

Für die Gesundheitssysteme und die nationalen Zulassungsbehörden von Arzneimittlen ergeben sich auf jeden Fall neue Fragestellungen und große Herausforderungen.

Und auf der Seite der Pharmaindustrie werden sich wahrscheinlich schon Heerscharen von Patentanwälten und Juristen mit dem geistigen Eigentum zur genetischen Modifizierung einer autologen Körperzelle beschäftigen. Aber das soll jetzt nicht das Thema sein.

 

In einem späterern Artikel im Mitglieder-Bereich, werde ich einige Biotechs und Methoden zur Gentherapie vorstellen, die einen völlig anderen Weg gehen. Noch befinden sich diese Versuche in der experimentellen Phase. Die Technologie, die hier genutzt wird, könnte große Vorteile bieten.

Toni

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***